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Berlinale 2003
Berlinale 2004

Tag 1

Rund um den Potsdamer Platz stehen alle Zeichen auf Filmfest. In den Bäumen hängen noch oder schon wieder die vielen kleinen Birnchen aus der Adventszeit und überall in den Straßen stehen EB-Teams und bemühen sich zwischen den herumeilenden Menschen

Prominente zu entdecken.

Start

Der erste Weg des Festivalfachbesuchers führt in eines der Akkreditierungsbüros. Je nach Branchenzugehörigkeit oder Status (Gast, Filmindustrie etc.) befindet sich das Büro an dem man die Ausweise bekommt, an einem anderen Ende des Geländes um den Potsdamer Platz.

Die Akkreditierungsanträge selbst hat man bereits im Dezember oder Januar beantragt, ausgefüllt und mit einem Passfoto versehen, nach Berlin geschickt. Die Industrie-Akkreditierungen kosten 50 Euro, die man bei der Abholung bezahlen muss. Für Studenten gibt es übrigens Akkreditierungen für 30 Euro. Zusammen mit dem Ausweis erhält man ein Info-Blatt, auf dem man erfährt, zu welchen Kinovorstellungen man damit Karten bekommen kann.

Die Kontingente an Eintrittskarten sind für die interessantesten Filme immer rasch erschöpft, ein Umstand, der zu frühem Auf- und Anstehen an den Ticketschaltern im Europäischen Filmmarkt anregt.

Empfänge

Ein traditioneller Treff der Kreativen mit den Vermittlern deutschen Filmguts in der Welt, das Goethe-Frühstück, war stark besucht und fand 10:30 im Goethe-Institut statt. Die Menschen, die hinter den Filmen stehen, treffen auf jene, die diese nicht immer ganz einfache Ware in die entferntesten Winkel dieser Welt hinaustragen. Nicht selten zeigt sich, dass unsere Filme in den entfernteren Winkeln mit größerem Interesse wahrgenommen werden, als in den näher gelegenen, wie Paris, London oder New York.

Eine halbe Stunde später begann, gleich um die Ecke in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz ein Empfang der Schauspielagenturen. Da viele deutsche Schauspiel-Stars erwartet wurden, hatten die Sicherungsmaßnahmen filmreifen Charakter. Mit seiner nicht übertragbaren, persönlichen Einladung erhielt man ein Namensschild mit Barcode, welches von mehreren Herren in "Black" am Eingang eingescannt wurde.

Der Hinweis, die Karte nicht zu verlieren, man müsse sich beim Gehen auch wieder ausscannen, ließ arge Befürchtungen aufsteigen, bei Verlust müsse man womöglich für immer in der Volksbühne verbleiben. Im ersten Stock dann Familientreffen bei Büffet und vielen guten Gesprächen.

Am Spätnachmittag dann im Sony-Center der Empfang der "Filmschaffenden", des Dachverbandes verschiedenster Einzelverbände, der Kostümbildner, Ausstatter, Requisiteure, Kameraleute, Regisseure usw. Und so viele, mit denen man über die Jahre zusammengearbeitet hat, waren da. Noch ein Familientreffen und jeder war bemüht, nicht über die Lage in der Branche zu klagen. Einigen gelang es..

Ja und dann noch ein Schlenker vorbei am Berlinale-Palast wo sich George Clooney & Co im Blitzlichtgewitter noch die nötige Restbräune einsammelten. Dann noch ein paar U-Bahnen in Berlin, jedes Mal ein eigener Film für sich, und dann ab ins Bett.

Tag 2

Wieder Empfänge. Zu dem im Theater des Westens hingegangen. Die anderen Schauspielagenturen vom Verband haben eingeladen. Die Kontrollen am Eingang weniger "Men in Black"- artig (siehe 1.Tag), dafür standen die Gastgeber-innen am Eingang und begrüßten jeden. Diese Agenturen werden auch die konservativeren, die alteingesessenen genannt, wegen ihres längeren Bestehens am Markt (und der fehlenden Bodyguards.)

Man nutzt vielfältige Einsparpotentiale, die Garderobendamen zahlen die Gäste selbst und der Kaffee kommt nicht aus der Edelstahl-Italo Maschine sondern aus Thermoskannen. Geht auch und schmälert den Sinn des Events in keiner Weise. Im ersten Stock dann großes Sehen und Wiedersehen. Und die vielen Blicke, die zielsicher zunächst auf den Namensschildern landen. Sind Sie wer?

Ach schade, auch selber ein Schauspieler. Hier zeigt sich, welchen Nebeneffekt die Suche nach neuen Rollen auch hat- viele Schauspieler brauchen ihre darstellerischen Fähigkeiten auch, um diversen Regisseuren, Produzenten und TV-Redakteuren auch bei fehlender Sympathie möglichst strahlend und freundschaftlich gegenüber zu treten. Und auch für die Agent-innen ist das Event harte Arbeit. Die bewährten Schauspieler wieder in Erinnerung rufen, die neuen vorstellen, drei Stunden Anspannung.

Im Filmmarkt viele Freunde wiedergesehen, die man nur hier, einmal im Jahr sieht. Das ist herrlich und so, als wäre dazwischen kein einziger Tag vergangen.

Aber auch die Anderen, die Neumillionäre, die an der Börse die letzten Jahre das Ansehen der ganzen Filmbranche verzockt haben, laufen ungeniert herum. Diejenigen, unter ihnen, die (weit oberhalb jeder Armutsgrenze) etwas tiefer gelandet sind, kennen einen plötzlich auch wieder. Schade eigentlich.

Tag 3

Morgens am Ticket-Counter ist die Welt noch in Ordnung. Schon bevor der europäische Filmmarkt öffnet, stehen draußen Menschen Schlange, denen es nicht nach Empfängen, sondern nach Filmen dürstet. Und sie werden belohnt. Meistens. Man kann, je nach Art der Akkreditierung, fast für alle Wunschfilme Karten bekommen. Doch wohin mit der Müdigkeit?

Vormittags dann ein sehr schöner Empfang der Cinemedia, im Palais am Festungsgraben. Speis und Trank auch für Vegetarier und Menschen die auch ohne Alkoholpegel durch den Tag kommen können. Und ein Wiedersehen mit Freunden. Nachmittags dann der Empfang von MEDIA, der europäischen Fördereinrichtung, sehr gute Gespräche, viele Kolleg-inn-en und beim Gehen Venezianische Verhältnisse wegen eines defekten Wasserzulaufs. Der Gondoliere an der Garderobe transportiert die Mäntel und Jacken über den unerwarteten Canale.

Abends dann Entscheidung ZDF-Empfang oder ein Essen mit Freunden. Das ZDF hat verloren, der Abend wurde sehr schön.

Tag 4

Early Morning Brunch der Filmanwälte im Berliner Hilton. Nomen est Omen, die Veranstaltung beginnt um 8:00, fassungsloses Staunen auf so manch übernächtigtem Gesicht. Interessante Gespräche mit den Vertretern der juristischen Seite des Filmgeschäfts. Die Geschäfte mit den Filmfonds laufen nicht mehr so richtig, kein Wunder, bei den Gesetzesänderungen. Doch wer sagt, dass Geschichte immer in Form von Fortschritten geschrieben wird...

Um 11 Uhr der Empfang von Kodak in der Vertretung von Baden-Würtemberg. Viele Kollegen, viele Kameraleute, viele Filmstudenten. Sehr schön, wie hier Nachwuchs und verdiente Profis zusammengeführt werden. Gespräch mit französischer Produzentin geführt und das alte Leid geklagt, dass man zwar deutsches Geld in französische Filme stecken kann, aber der umgekehrte Weg für die französischen Produzenten durch Gewerkschaften und Förderspielregeln recht steinig gestaltet wird. Überraschend: Die Produzentin hat einen Film mit Belgien und Deutschland koproduziert, der komplett in Deutschland gedreht wurde. "My Winter Journey".

Es geht also doch,- oder auch nicht, der beteiligte Fernsehsender, der Bayerische Rundfunk hat unter der laufenden Produktion die Zusage zurückgezogen und die Produktion damit in ärgste Schwierigkeiten gestürzt. Wenn es schon einmal anders läuft als sonst, dann sorgen eben unsere Leute dafür, dass der Mut für Wiederholungen schwindet.

Tag 5

Das Klima in Berlin ist heute sibirisch. Berlins modernster Windkanal, auch Potsdamer Platz genannt, lehrt seine Besucher das Fürchten. Ob die Filmsternchen heute Abend wieder schulterfrei über den roten Teppich schreiten? Ab wie vielen Minusgraden darf man das Decoltée mit einem Schal bedecken, wann sind Wollpullover erlaubt?

Am Abend der traditionelle Empfang von FFA und Export-Union des deutschen Films. Wie jedes Jahr wird das Stehvermögen der Branche durch einen nächtlichen Partybeginn (22 Uhr) auf eine harte Probe gestellt. Diesmal folgt die Filmgemeinde Einladungskarten im Boardingpass-Design ins Berliner Technik-Museum. Das Gebäude mit dem Flugzeug auf dem Dach, begrüßt seine Gäste in einem eisigen Entrée. Garderobieren, Hostessen und Stewards in Zirkusuniformen bilden einen Spalier und begrüßen bibbernd und  zugleich überaus herzlich die Gäste. Originelle Idee, einen Flughafen-Tiefkühl-Hangar nachzuempfinden.

Per Fahrstuhl entkommen wir dem Hangar in eine beheizte Etage. Der Wille, die erfahrungsgemäß zumeist wohlhabenden Gäste einmal mit den kulinarischen Kostbarkeiten des kleinen Mannes auf den Straße in Berührung zu bringen, schlägt sich in originellen Büffettideen nieder. Man speist Hamburger, Döner Kebab, Chinafood, Currywurst und Ketchup. Verschließe als Vegetarier meine Augen vor so viel Neo-Realismus und halte mich an die hervorragenden Crepes.

Reizende Dekorationen, Orientalische Oase mit Perserteppichen und Glitzerkissen, hilfsbereite Stewards sorgen für die Getränke. Hier und da ein paar Schauspieler, doch die üblichen Verdächtigen fehlen. Das Stichwort "prominentenfreier Empfang" fällt zwischen den Wursthäppchen. Bereits um Mitternacht ist die Örtlichkeit deutlich geleert, die Guards am Eingang haben die Ansage, großzügig auch ohne Einladung Gäste hereinzulassen. Die Geste bleibt folgenlos, die Tanzfläche trotz Lifeband leer- der späte Beginn und der Kühlhaus-Effekt zeigen ihre Spuren. Schlüpfe gegen 2 Uhr in meinen tiefgekühlten Mantel und bewundere das Personal, dem die Eiswüste das Lächeln nicht aus dem Gesicht gepustet hat.

Tag 6

Bei Weißwurst, süßem Senf, Radi, Brezen und Obaztem trifft sich die bayerische Filmbranche in der bayerischen Vertretung in der Behrenstraße. Der FFF-Bayern und bayerische Filmfirmen laden ein. Alle sind sie gekommen, immer wieder erstaunlich, welch hohen Anteil am Filmgeschehen die Firmen aus dem Süden haben. Die Gastgeber haben eine sehr angenehme, persönliche Art, ihre Gäste zu begrüßen. Alle lächeln, zeigen sich zuversichtlicher als sie sind, auch wenn die Banken das Wort Filmfinanzierung nicht mehr in ihrem Wortschatz haben. Die Oscar-Nominierung von "Irgendwo in Afrika" hebt das durch die allgemeine Krise angeschlagene Selbstbewusstsein.

Nachmittags Treffen mit einem Kollegen im Kodak-Kaffeeshop. Ein schöner Service für die Kunden, bei gutem Kaffee und Gebäck (gesponsert von Kodak) miteinander sprechen. Danach im Filmmarkt Treffen mit Schauspielern.

Eine hat gerade auf einer Insel gedreht. Mangels anderer Quellen hat der Regisseur angeblich Geld aus dem Rotlicht-Milieu für den Dreh verwendet. Wenn der Film kein Erfolg wird, fürchte der Regisseur um seine Gesundheit. Als ich den Namen erfahre, kann ich sie beruhigen, der Regisseur hat schon bei seinem letzten Film mit Vertretern dieses Berufsstandes zusammengearbeitet.

Einen lieben und hervorragenden Hauptdarsteller eines früheren Spielfilms getroffen. Er sollte unbedingt wieder drehen, aber dieses Land übersieht mit hoher Zielsicherheit seine besten Talente.

Abends endlich mal ins Kino, deutscher Film mit Städtenamen als Titel. Bemüht formale Erzählweise, der inhaltlich starke dramatische Konflikt der gemächlich auf eine Katastrophe zustrebt, wird gefühlsfrei erzählt. Selbst die Schlussszene mit dem Autoüberschlag verweist auf das Vorbild Chabrol. Aber da konnte man wenigstens mit den Figuren mitfühlen. Schade

Tag 7

Der letzte Tag. Überall auf dem Filmmarkt Auflösungserscheinungen obwohl das Festival ja noch bis zum Wochenende geht. Stände werden abgebaut, Menschen mit Reisetaschen über der Schulter machen eine letzte Runde an den Ständen vorbei. Abschied, Umarmungen und Stimmungsbilder von "...war ein guter Jahrgang", "...bis nächstes Jahr", "...war wieder schön", "bin froh, wieder nach Hause zu kommen", "die Luft hier im Markt war unerträglich", "komisch, hatte dieses Jahr gar keine Erkältung hier", bis "...lohnt sich doch immer so ein Festival".

Stimmt alles. Irgendwie.

 

 

 
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