Die Filmfestspiele in Berlin, ein Rausch - eine Reise von Kino zu Kino,
von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Mensch zu Mensch, von einer
Geschichte zur anderen - mit Suchtpotential.
Die Berlinale beginnt mit einem eisigen Morgen, die Temperaturen
reißen Lippen auf, die Schlange vor dem Kartencounter am Potsdamerplatz
wird zu der aus dem Computerspiel, die Pilze frisst und droht, sich selbst
in den Schwanz zu beißen. Es wird dreist vorgedrängelt. Lügenmärchen
haben Hochkonjunktur. Um einen besseren Platz in der Schlange zu
ergattern, werden Prinzipien über Bord geworfen und Filmstudentinnen
transformierten zu berechnenden amerikanischen Außenministerinnen.
Der Eröffnungsfilm "Man To Man" von Régis Wargnier
entführt den Zuschauer in die Kolonialzeit und wird mit tatkräftiger
Unterstützung der beiden Stars Joseph Fiennes und Kristin Scott Thomas
präsentiert. Erzählt wird die Geschichte einer Gruppe Anthropologen, die
auf einen Pygmäenstamm stößt und ein "Männchen" und ein
"Weibchen" verschleppt, um an ihnen die Verbindung zwischen
Mensch und Affe zu belegen. Mit westlicher Arroganz brüstet sich der
Film, die Ausbeutung einer Minderheit zu thematisieren. Dabei scheut er
sich nicht, jene Ausbeuter, die schneeweißen Westler mit später
menschelnder Einsicht auf den Heldensockel zu hieven. Die Pygmäen werden
zum "Free Willy" degradiert. "Man To Man" bedient
genau jene Weltansicht, die er verurteilt, und ist in Mark und Bein
misslungen. Eine äußerst fragwürdige Entscheidung, diesen Film als
Eröffnung zu präsentieren.
Keanu Reeves absolviert sowohl in der mäßigen Coming-of-Age-Dramödie
"Thumbsucker" von Mike Mills als auch auf der diesjährigen
Berlinale einen Gastauftritt. Die Geschichte eines 17-jährigen
Daumenlutschers versucht sich als Parabel auf menschliches Suchtverhalten
mit "American Beauty"-Touch, erreicht jedoch nie die Qualität
seines Vorbildes. Die erlesene Besetzung um den als besten Darsteller
ausgezeichneten Lou Taylor Pucci hält einen bei der Stange: Tilda Swinton
als Daily-Soap-fixierte Mutter, Vincent D'Onofrio als vom sportlichen
Wettbewerb besessener Vater, Benjamin Bratt als drogensüchtiger
Fernsehstar und Vince Vaughn als diskussionswütiger Lehrkörper hätten
den silbernen Bären allemal mehr verdient als die allzu vertraute
Darstellung des in sich gekehrten Protagonisten.
Mit dem psychologischen Thriller "The Dying Gaul" erlebt die
Berlinale in der Panorama-Sektion ihren ersten Höhepunkt. Regisseur und
Drehbuchautor Craig Lucas präsentiert sein subtiles Meisterwerk als
Statement zum Irakkrieg. Oberflächlich betrachtet, teilen Film und
Realität nicht die geringste Gemeinsamkeit, taucht man jedoch in die
Doppelbödigkeit des bösen Mysteryjuwels ab, wuchert ein Dschungel aus
Parallelen: Ein schwuler Drehbuchautor schreibt eine ergreifende
Liebesgeschichte, die in Fachkreisen als zweite "Love Story"
gehandelt wird. Das Problem: die Protagonisten, zwei sich liebende
Männer. Die Studios überbieten sich mit millionenschweren Angeboten,
doch alle teilen sie ein und dieselbe Bedingung, das Buch muss auf eine
heterosexuelle Zielgruppe umgedichtet werden. Schließlich erliegt der
Protagonist dem Werben eines bisexuellen Produzenten und dessen Ehefrau,
verrät sich selbst und seine Prinzipien und stürzt in einen kryptischen
Krieg aus visionärer Manipulation und albtraumhafter Sehnsucht, in dem
das Opfer zum Täter, der Täter zum Opfer wird, die Resolution
vernichtet...
Im Anschluss von "The Dying Gaul" fragt ein Filmstudent den
Regisseur, ob sein Werk in einem Amerika von George W. Bush überhaupt
eine Chance habe. Craig Lucas erwidert enttäuscht und müde, dass mehr
als 40% der Amerikaner ihr Votum gegen den Analphabeten gerichtet haben,
aber dass dieser Prozentsatz vom Rest der Welt häufig vergessen werde,
wenn von den USA gesprochen werde. Der Filmstudent nickt interessiert und
schweigt. Ja, bei uns in Deutschland werden selbstverständlich reihum
intelligente Thriller mit schwulen Protagonisten produziert, die die
Zuschauerzahlen toppen!
Der argentinische Panorama-Beitrag "Un Ano Sin Amor" von
Anahí Berners erzählt von einem aidskranken Schriftsteller, der in dem
Jahr vor seinem Tod in die S/M-Szene abdriftet, um sich hemmungslos seiner
Leidenschaft hinzugeben. Das deprimierende Handkameradrama, das zu 80% aus
grobkörnigen Großaufnahmen besteht, verschreibt sich dem
dokumentarischen Realismus, gehört zum Genre des abgefilmten Leids, weckt
weder Emotion noch Anteilnahme an seiner Hauptfigur und wird zu Unrecht
mit dem Teddy ausgezeichnet.
Der Kanada-Import "Childstar" mit Jennifer Jason Leigh
beginnt als aberwitzige Groteske auf die Verrohung eines amerikanischen
Kinderstars. Das Bemühen des Autors, Regisseurs und erwachsenen
Hauptdarstellers Don McKellar, auch mitfühlende Töne anzuschlagen, ist
ehrenhaft, kostet den Film jedoch den anfänglichen Biss und führt in ein
moralisches Finale, in dem die Motivationen, Versäumnisse und
Besserungsgelöbnisse der Charaktere dialogisiert werden.
Der erste handfeste Festivalschocker, der für Ohnmachtsanfälle und
fluchtartiges Verlassen des Kinosaales sorgt, stammt aus der Feder von
Fruit Chan, der mit Kameramann Christopher Doyle und Hauptdarstellerin,
dem Jury-Mitglied Bai Ling, aus China angereist ist. In naher Zukunft
regiert der Schwarzmarkt, das Versprechen von ewiger Jugend treibt eine
dekadente Dame in schäbige Wohnblocks und die Küche einer mysteriösen,
jugendlichen Frau. Das Rezept der über 60-jährigen, alterslosen
Schönheit: "Dumplings" (so auch der Filmtitel), gekochte,
eingelegte oder frittierte Embryonen. Die gallige, bitterböse und
konsequente Abrechnung auf den Schönheitswahn verstört mit dezent
eingesetzten expliziten Ekelmomenten. Eine gnadenlose Abtreibungssequenz
setzt den Schraubstock an, den ein Großteil des Publikums nicht über
sich ergehen lassen kann. Die Empörung ist allerdings unverständlich,
der Film geradlinige Kritik an der Menschenverachtung, die ihm vorgeworfen
wird. Zudem beschert uns Chan einen minimalistischen, visuell und
darstellerisch beeindruckenden, unberechenbaren, rauschhaften Trip, der
einen bis in die (Alb)Träume verfolgt.
Außer Konkurrenz sorgt der mehrfach Oscar-nominierte "Hotel
Rwanda", der von den Massakern des 1994 ausgebrochenen Bürgerkriegs
zwischen den regierenden Hutu-Milizen und den Rebellen der Tutsi erzählt,
für gepflegte Betroffenheit. Nebendarstellerin Sophie Okonedo hätte den
silbernen Bären und den Oscar verdient. Hauptdarsteller Don Cheadle und
Regisseur Terry George hingegen bedienen die Tränendrüsenfraktion und
verstören ein allzu empfindsames Publikum mit poetisch sanften Schocks,
die dem Schrecken den graphischen Horror nehmen. Im Akkord wurden Frauen
vergewaltigt, Kinder exekutiert, Männer gefoltert und im Todeskampf
entwürdigend zur Schau gestellt, all das mag George seinem westlichen
Publikum nicht zumuten. Man darf die eine oder andere Träne vergießen,
aber vor wuchtigen Schlägen in die Magengrube oder ins Gesicht und vor
schamhaften Schuldempfindungen bewahrt uns "Hotel Rwanda" wie
ein moralisches Kirchenoberhaupt vor unreinen Gedanken.
Der italienische Wettbewerbsbeitrag "Provincia Meccanica",
der von einer jungen Familie erzählt, die an ihrer eigenen
Verantwortungslosigkeit und an gesellschaftlichen Normen zerbricht, ist
eigenartig motivationsloses Betroffenheitskino, scheint selbst nicht zu
wissen, was es eigentlich erzählt, und verzichtet letztlich auf eine
Auflösung. Trotz des grandiosen Stefano Accorsi, ein verdienter
Festivalflop, der von Kritik und Publikum gleichermaßen verschmäht wird.
Das Kinderfilmfest und die Sektion 14+ erweisen sich als ebenbürtige
Konkurrenz zum Wettbewerbsprogramm. Dennoch werden die Filme von einem
erwachsenen Publikum gemieden. Die Tagespresse schenkt dem Genre nahezu
keine Beachtung. Ein Zeugnis für die tunnelsichtige Arroganz des
intellektuellen Publikums.
Der finnische Beitrag "Pelikaanimies" ist zugegebenermaßen
dann auch nur etwas für die ganz Kleinen. In bunten, gesättigten Farben
wird von einem Jungen erzählt, der entdeckt, dass sein Nachbar in
Wirklichkeit ein Pelikan ist. Ohne Biss aber mit jugendfreiem Humor und
Liebe zu ihren Figuren inszeniert Lisa Helminen ein leichtverdauliches
Manifest auf den Mut zum Anderssein. Da ist der subversive "Shrek
2" allemal reizvoller.
Das
israelische Jugenddrama "Sipur Kaits" begleitet den 13-jährigen
Gal, der sich in ein herzkrankes, erwachsenes Mädchen verliebt. Dieses
steht jedoch in romantischem Briefkontakt zu einem Soldaten im Libanon.
Aus Eifersucht unterschlägt Gal einen Brief von der Front und setzt eine
Kette von unerwarteten Ereignissen in Gang. Letztlich scheitert die
zunächst ansprechende Liebesgeschichte an ihrem krampfhaften Bemühen,
keine politische Stellung zu beziehen, und an ihrer allzu blauäugigen
Schlusspointe.
In der Sektion 14+ sorgt Luis Mandokis "Voces Inocentes - Innocent
Voices" für Furore. Der Film wird voraussichtlich im April in den
deutschen Kinos starten, und man sollte dieses krasse Meisterwerk nicht
versäumen. Im El Salvador der frühen 80er Jahre zerrt der Bürgerkrieg
an den Nerven und Leben der Zivilisten. Der 11-jährige Chava wächst in
einer Welt auf, in der die Vaterfiguren verschwinden und Kinder wie er
für ihre Familien Verantwortung übernehmen. Ihm bleibt noch ein Jahr im
Kreise seiner Mutter und Geschwister, bevor Chava an seinem 12. Geburtstag
von der Regierungsarmee eingezogen wird. Selten gelang es einem Film den
Schrecken des Krieges so kompromisslos auf die Leinwand zu bannen und
zugleich mit einer inbrünstigen Kraft das Leben und die Liebe zu
zelebrieren. Opulent fotografiert und musikalisch verzaubernd fräst sich
"Voces Inocentes" in die Sinne. Das hervorragende Drehbuch von
Oscar Orlando Torres, das auf autobiographischen Erlebnissen beruht, und
das famose Schauspielerensemble, dessen unverbrauchte Gesichter sich ins
Gedächtnis brennen, brechen die Schale und öffnen den Kern: Zunächst
ist es ein drückender Kloß im Hals, schon bald schießen die ersten
fassungslosen Tränen und ein herzliches Lachen im Wechselspiel mit
Tränen der Rührung bricht sich Bahn. Um den unsentimentalen, ehrlichen
Schluss, der von der Realität diktiert wurde, zu verdauen, braucht es
seine Zeit. Obwohl der Abspann die Anspannung löst, und das Kinopublikum
im Kollektiv von heftigen, heilenden Heulkrämpfen durchschüttelt wird.
"Voces Inocentes" ist keinesfalls abgefilmter Kriegshorror
sondern eine wunderschöne, tief bewegende Hymne an das Leben und die
Menschen aus der unverklärten Perspektive eines Kindes. Der Film gewann
den Jugendfilmpreis der Berlinale und wurde trotz Einreichung des Landes
Mexiko von den Oscar-Juroren ignoriert. Neben ihm hätte nicht einer der
ausgewählten Kandidaten bestehen können! Ansehen!
Ebenfalls in der Sektion 14+ des Kinderfilmfestes fegt die schwedische
Perle "Populärmusik Fran Vittula" von Reza Bagher über die
begeisterten Zuschauer hinweg. Das phantasievolle Epos über die
Entwicklung zweier Rock'n'Roll besessener Jungs bis ins Erwachsenenalter
und ihrer unterbewussten homosexuellen Liebe ähnelt den Geschichten eines
John Irving und den filmischen Welten eines Emir Kusturica, fasziniert
gleichermaßen mit irrwitzigem Humor und phantastischen Elementen, die die
Protagonisten und den Betrachter überraschend in lynchige Abgründe
stürzen. Da kann selbst der etwas abrupte Schluss die Stimmung nicht
dämpfen, das Publikum honoriert das waghalsige, schillernd bunte und
berührende Feuerwerk an Kreativität mit stehenden Ovationen.
Der Preisträger des gläsernen Bären (Kinderfilmfest) ist der
niederländische Film "Bluebird" von Mijke De Jong, der von der
13-jährigen Merel erzählt, die sich gegen die Schikanen ihrer
Mitschüler zur Wehr setzt. Das Herz des bewegenden Filmes schlägt
hingegen für seine wunderschöne Nebenhandlung, Merels inniger Liebe zu
ihrem körperbehinderten Adoptivbruder.
Zwielichtiger
ist da schon die allgemeine Wertschätzung und Auszeichnung von
"Sophie Scholl - Die letzten Tage". Zwar nicht mit
untergangschem Großkotz gescheitert aber mit äußerster Vorsicht zu
betrachten. Vor allem der silberne Bär für Regisseur Marc Rothemund
gehört gehäutet. So wird dem Zuschauer ein heiliges, tief gläubiges,
gewissenhaftes, moralisch gefestigtes und unfehlbares Geschöpf
präsentiert. Handelt es sich da tatsächlich um ein authentisches Bild
der 21-jährigen Widerstandskämpferin? Oder vielmehr um ein durch
Weichzeichner gefiltertes und mit Heiligenschein versehenes Konzentrat
personifizierter Reinheit? Der Film und seine Befürworter müssen sich
den Vorwurf gefallen lassen, unfreiwillig die These aufzustellen und zu
stützen, dass nur ein weiblicher Jesus Hitler die Stirn bieten konnte.
Der Zuschauer wird somit einmal mehr vor der entblößenden
Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit verschont, denn weder
mit der heiligen Sophie noch mit ihren teuflischen Richtern mag man sich
identifizieren. Ein Lichtblick hingegen die Darstellung des verhörenden
Gestapo-Mannes Mohr, der als einzige Figur menschliche Zerrissenheit in
sich birgt. Der anhaltende Hype um die Bärengewinnerin und
Sophie-Darstellerin Julia Jentsch passt ebenso wenig zum zurückhaltenden
Wesen der Aktrice wie zu ihrer durchweg soliden aber reservierten
schauspielerischen Leistung.
Der japanische Samurai-Film "Kakushi Ken - Oni No Tsume"
läuft im Wettbewerb. Fernab von "Tiger & Dragon",
"Hero" oder "House of Flying Daggers" wird eine
unspektakuläre und altmodische Liebesgeschichte erzählt, die sich in
geradezu arschpieksender und liederschwerender Gemächlichkeit in ein
Rachedrama verwandelt, um später wieder auf vernachlässigte Liebespfade
zurückzufinden. Ein nicht unsympathischer aber unentschlossener Hinhalter,
der zu Unrecht mit Kritikerehren bedacht wird.
Im Rahmen der Panoramapremiere von "The Ballad Of Jack &
Rose" nimmt der vollbärtige Daniel Day Lewis die Berlinalekamera als
Ehrenpreis entgegen. Die Presse boxt sich die Rippen wund, und der sich
windende Star wird nicht müde, den missratenen Film seiner ebenfalls
anwesenden Ehefrau, der Regisseurin Rebecca Miller (Tochter von Arthur
Miller), anzupreisen. Ein Restbestand des Kommunendaseins: Die
heranreifende Rose und ihr todkranker Vater Jack wurden von Mutter und
Ehefrau zurückgelassen. Rose genießt die klammernde
Vater-Tochter-Beziehung, bis eine neue Frau in das Leben ihres Vaters
tritt und droht, die Symbiose zu zerstören. Das interessante Thema wird
schon allein durch die schwache Performance der talentfreien
Hauptdarstellerin Camilla Belle zum unfreiwilligen Witz auf Raten. Daniel
Day Lewis müht sich redlich, doch auch er kann nicht darüber
hinwegtäuschen, dass seine Angetraute nicht einen Hauch des Talentes
ihres Vaters geerbt zu haben scheint: Die Dialoge halten sich auf
zweitklassigem TV-Film-Niveau, die Dramaturgie holpert wie ne Achterbahn,
von der peinlich esoterischen Inszenierung ganz zu schweigen.
Für kontroverse Panoramakost sorgt der chinesische Regisseur und
Drehbuchautor Yonfan ("Bishonen"). Seine erotische Fantasie
"Tao Se" verpasst der Berlinale in den Gazetten den Spitznamen
Sexinale. Die empörten Schreie hallen nach. Wie zwei weitere Filme im
Festivalprogramm belegen, ist ästhetisiertes sexuelles Kino selbst bei
einem liberalen Publikum noch immer ein absolutes Reizthema. "Tao
Se" erzählt in triefender Kitschästhetik, opernhafter Theatralik
und verschachtelter, traumhafter Rätselhaftigkeit die Geschichte einer
unerwiderten Liebe, die sich in einer sexuellen Obsession entlädt. Ein
Mann lässt sich zur bildschönen Frau umoperieren, um den einen Mann, der
ihm die Liebe verwehrt, zu erobern. Ein jeder verfällt der schönen
Transsexuellen, nur der Eine mag ihr zwar körperliche Lust aber nicht
sein Herz schenken. Und weil Liebe schmerzt, wird in "Tao Se"
auch gepeitscht, geohrfeigt, geschluchzt, gelackt und geledert was das
Zeug hält. In Anwesenheit seines nahezu kompletten Ensembles führt der
Regisseur sein poppiges Spektakel mit den Worten "Das ist ein Film
über Divas" ein. In seinen besten Momenten zeigt "Tao Se"
viel Fantasie, ist lasziv, sinnlich, unverschämt, arrogant,
avantgardistisch und humoristisch zugleich - wie eine Diva eben. Dennoch
teilt der Film das ungerechte Schicksal seines amerikanischen Kollegen
"Showgirls", der trotz eines enormen Unterhaltungswertes von der
Fachpresse aufgrund des realitätsfremden Pornokitsches leichtfertig zum
Schrott erklärt wurde.
Den wohl tiefsitzendsten Schock der gesamten Berlinale erleidet das
Publikum bei dem Besuch einer nächtlichen Wiederholung des
Gewissensdramas "Paradise Now" von Hany Abu Assad, das mit
unglaublicher Spannung und Intensität von zwei palästinensischen
Selbstmordattentätern und ihren letzten Stunden erzählt. Die thematische
Brisanz ist allgegenwärtig, die Zuschauer unruhig. In den vorderen Reihen
hört man plötzlich, wie links und rechts hinter einem die Türen
aufgerissen werden. Ein dumpfer, harter Schlag. Ein Mann schreit
"Scheiße!". Das Publikum fährt in seinen Sitzen herum. Eine
Vielzahl von polternden, gehetzten Schritten eilt der Leinwand entgegen.
Man ist reglos, spürt die nackte Panik, die sich salzig und heiß und
pochend in die Muskeln und Gelenke frisst. Man denkt an einen
Terroranschlag - für 5, 6 grauenhafte Sekunden, umso demütigender die
Auflösung: Ein wohl nicht mehr ganz nüchterner Kinogast hat die
Vorstellung verlassen, um sich etwas zu trinken zu holen. Bei seiner
Rückkehr reißt er die Tür zum Saal so heftig auf, dass sowohl ein Echo
als auch der Eindruck entsteht, beide Türen würden gleichzeitig
aufgerissen. Aus Schreck über den verursachten Lärm, lässt der Mann
sein Getränk zu Boden fallen, schreit "Scheiße!" und eilt mit
polternden Schritten der Flasche hinterher, die gen Leinwand kullert. Der
Widerhall seiner Schritte schafft die Illusion von mehreren Personen, die
von beiden Seiten auf die Leinwand zustürmen. So schrecklich diese
Täuschung auch gwesen ist, sie ist ein Beleg für die emotionale
Qualität des Films.
Das schwedische Jugenddrama "Fjorton suger - Forteen Sucks"
über ein 14-jähriges Mädchen, das im Suff vom besten Freund ihres
Bruders missbraucht wird und sich niemandem antrauen mag, ist erfrischend
echtes Vorstadtkino im Geiste von "Raus aus Amal": Authentisch,
berührend, hoffnungsvoll und ohne die nihilistisch narzisstische
Erzählweise eines Larry Clark ("Kids", "Bully",
"Ken Park").
Die Leinwand reißt auf. Ein schriller Schrei. Das Bild einer Frau, die
eine saftige, aufgeschnittene Wassermelone gegen ihre Vagina presst. Zwei
männliche Finger, die schmatzend in das Fruchtfleisch bohren. Stöhnen.
Die Finger beeilen sich, weiden die Melone aus, der Melonensaft spritzt,
die Frau zuckt und quiekt. Das ist die Eröffnungssequenz von "Tian
Bian Yi Duo Yun - The Wayward Cloud", der von der verständnislosen
Fachpresse auch liebevoll "Melonenporno" genannt wird. Ja, das
Geschrei ist mal wieder groß: "Porno-Alarm auf der Sexinale!"
Dass das zweistündige Filmrätsel des Taiwanesen Tsai Ming-Liang in
Wirklichkeit von der zarten Annäherung zweier einsamer und verdurstender
Menschen erzählt, die in einem konsequenten, im wahrsten Sinne des Wortes
aussaugenden Finale gipfelt, bleibt den empörten Zuschauern, die schon
nach wenigen Minuten den Saal verlassen, verborgen. Und auch das
allgegenwärtige verschämte Kichern der Verbliebenen ist Zeichen für die
noch immer währende großflächige Unfähigkeit zur ernsthaften
Konfrontation mit menschlicher Sexualität. "The Wayward Cloud"
besitzt durchaus komische und comichafte Momente, aber gerade in der
expliziten, fantasievollen Darstellung der Fleischeslust kann einem nur
bei oberflächlicher Betrachtung zum Lachen zu Mute sein: Lässt man die
Bilder ohne schamhafte Abwehr auf sich wirken, verliert man sich in dem
visuellen Kosmos aus unerträglicher Sehnsucht und unversiegbarem Durst
nach Zuneigung, unglaubliche Traurigkeit schlägt sich auf die Brust und
das Lachen verknotet. Künstlerisch betrachtet, ist "The Wayward
Cloud" die Entdeckung der diesjährigen Berlinale. Die nahezu stummen
visionären Bilder von der großstädtischen Zukunft in Betonklötzen,
gebeutelt von akuter Wassernot, die knallbunten, wundervoll arrangierten,
herrlich abgedrehten Musicaleinlagen im kontrastreichen Einklang mit den
schmerzenden Sexszenen, die beiden melancholischen Hauptdarsteller, die
großen Mut beweisen und sich unaufgeregt ins Herz ihres Betrachters
spielen, der gnadenlos ehrliche Schluss, der den ein oder anderen
Zuschauer so erschreckt, dass zur Beruhigung wieder gelacht werden muss.
Aber diesmal nur noch vereinzelt und von weit, weit weg.
"Transamerica"
erzählt die berührende Geschichte der konservativen Transsexuellen Bree,
die über Nacht erfährt, dass aus ihrer einzigen sexuellen Begegnung mit
einer Frau vor 18 Jahren ein Sohn entstanden ist: Toby sitzt wegen
Drogenbesitzes und Stricherei im Gefängnis. Da seine Mutter gestorben
ist, hinterlegt Bree die Kaution und gibt sich als christliche Missionarin
aus. Ein klassisches Roadmovie beginnt, auf dessen Reise sich Toby und
Bree näherkommen. Regisseur und Drehbuchautor Duncan Tucker schuf
respektvolles, wegweisendes Kino: Familientauglicher Humor gepaart mit
amerikanischen Werten, die grandiose Hauptdarstellerin Felicity Huffman
und eine konventionelle Dramaturgie versprechen das Potential zum
weltweiten Überraschungshit. Denn auch, wenn "Transamerica"
eine gesellschaftliche Randfigur als Heldin zelebriert, so dürfte sein
universelles Thema sowohl Mütter als auch Väter, Heranwachsende und ein
liberales Publikum gleichermaßen ansprechen. Das Berlinalepublikum
honoriert die Arbeit des sympathischen Regisseurs, der sehr persönlich
und witzig über seine Arbeit erzählt, mit stehenden Ovationen, und
diverse europäische Verleiher lassen es sich nicht nehmen, bereits
während der anschließenden Frage-und-Antwort-Runde brennendes Interesse
zu verkünden.
Der dänische Wettbewerbsbeitrag "Anklaget" ist das düstere
Psychogramm einer Familie: die 14-jährige Stine erhebt eine schwere
Anschuldigung gegen ihren Vater Henrik. Das Jugendamt schreitet ein,
Henrik wird verhaftet und sitzt in Untersuchungshaft, Freunde und Bekannte
wenden sich von ihm ab, doch seine Frau Nina und die Prozessrichterin
erklären Henrik für unschuldig. Es vergehen Monate, ehe die Eltern die
Tochter erstmals wieder sehen und mit ihr über das Geschehene sprechen
können. Stine bittet ihre Mutter das Zimmer zu verlassen, sie will mit
ihrem Vater allein sein... Bis zum Finale tappt der Zuschauer im Dunkeln.
Wer ist Opfer? Wer ist Täter? Die Enthüllung ist ein Schlag ins Gesicht,
der Film von Jacob Thuesen und Kim Fupz Aakeson ein schonungsloser,
kompromissloser Familienthriller in beklemmender Visualität, der bei der
Preisverleihung unverständlicher Weise gänzlich leer ausging.
Der russische Horrorthriller "Nochnoj Dozor - Night Watch"
von Timur Bekmambetov kombiniert "Blade", "Matrix" und
"Der Herr der Ringe", war in seiner Heimat erfolgreicher als
seine Vorbilder und wird im Sommer von der 20th Century Fox weltweit
vermarktet. Das erste Drittel ist ein atemlos geschnittenes und visuell
berauschendes Fest für die Sinne, sobald sich jedoch die
Handlungsstränge verwickeln und die Darsteller den Dialog entdecken, ist
der anfängliche Zauber verflogen.
Zu Beginn des dreistündigen Japan-Krimis "Riyuu - The
Motive" werden vier Leichen in der Wohnung eines Hochhauses
aufgefunden. Weder standen die Toten in irgendeiner Verbindung zueinander,
noch war einer von ihnen Bewohner des Hauses. Bis zu 60 Zeugenaussagen
setzen das pseudo-dokumentarische Puzzle zusammen, das in seiner
unwirklichen Auflösung sowohl komplettiert als auch zerstört wird.
Durchaus spannend, aber nicht jede Wendung ist nachvollziehbar, und zwei
Stunden hätten ausgereicht.
Der koreanische Panoramafilm "Nok-Saek-Eui-Ja - The Green Chair"
von Cheol-su Park erzählt die sympathische unkonventionelle
Liebesgeschichte zwischen einer sexhungrigen Enddreißigerin und einem
potenten Teenager. Einmal mehr ein asiatischer Film, dem es gelingt,
innige Liebe und Zuneigung über entwaffnende sexuelle Freizügigkeit zu
erzählen.
Die finnische Familientragödie "For The Living And The Dead"
zeigt eine sperrige Auseinandersetzung mit dem Verlust eines Kindes. In
eiskalten Bildern agieren die unsympathischen, unattraktiven Figuren
vielleicht authentisch, wecken allerdings keinerlei Anteilnahme an ihrem
Schicksal. Der Regisseur selbst lobt sich und seinen Film mit den Worten
"Ich erzähle nicht in Klischees, ich brauche keine Musik in der
Luft."
Der
Abschlussfilm von Bill Condon über den Sexualforscher "Kinsey",
leidenschaftlich verkörpert von Liam Neeson, beginnt als entlarvende
Satire auf die sexuelle Borniertheit, die nicht nur im Amerika der frühen
50er Jahre sondern selbst auf der diesjährigen Berlinale weit verbreitet
war und noch immer ist. Das zeigt uns "Kinsey" selbst, der feig
sein eigenes Thema verrät, indem er sich in rührseligem Pathos verliert
und seine anfängliche Aufsässigkeit vergessen lässt. Ärgerlich!
Alles in Allem sei den Organisatoren für die facettenreiche
Filmauswahl und den nahezu reibungslosen Ablauf ein großer Dank
ausgesprochen!