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Grau vom Schneematsch der letzten
Wochen- die Scheiben in den Bussen zum Potsdamer Platz |
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Samstag, 13. Februar
Berlinale- das Winterfilmfestival bietet in diesem
Jahr ein undefinierbares Gemisch aus Schnee, Matsch und grauen Steinchen,
viele Gerüste und Bauabsperrungen rund um den Potsdamer Platz und die
obligate Weihnachtsbeleuchtung. Davon dass der Schnee einstmals weiß
gewesen sein muss, ist nicht mehr viel zu erahnen.
Das Wetter hat zumindest eines bewirkt- es ist nicht
die Berlinale der feinen Lederschühchen und Stöckelschuhe,- robustes,
wetterfestes Schuhwerk prägt das Straßenbild.
Zweites Berlinale-Jahr der Wirtschaftskrise, wie
feiert man den Film wenn das Geld immer knapper wird?
Nun man zwingt den Gästen auf, sich an den Kosten
massiver zu beteiligen. Bereits im vergangenen Jahr wurden die Gebühren
für Akkreditierungen massiv erhöht, die Presse zahlt 60, Fachbesucher
zahlen sogar 100 Euro für die begehrte Plastikkarte und die obligate
Plastiktasche im gewohnt schrägen Farbdesign. In diesem Jahr ist Lila
angesagt... mit betörend fiesem PVC-Geruch. Würde hier wieder mal ein
Öko-Dokumentarfilm über Kunststoffe laufen,- in den Kinosälen mit ihren
vielen akkreditierten Taschenträgern käme es zu zauberhaften
Glücksfällen von intensivstem Geruchskino. Was ist dagegen schon 3D ?
Was besonders verwundert,- wer seine
Akkreditierungskarte verliert, darf noch mal 50 Euro hinlegen für die
Ersatzkarte. Das ist pädagogisch eindeutig im Bereich der Strafe
angesiedelt und zudem eine nette Nebeneinnahme für einen simplen
Computerbefehl, die Karte erneut zu printen.
Die beeindruckenden Kosten für die Akkreditierung
wären ja noch irgendwie hinnehmbar, (auch wenn es einen irritiert, dass
die Hotelzimmer preiswerter sind, als der Plastikbadge), irgendwie muss
das Festival ja bezahlt werden, - wenn dieser entsprechende Kinobesuche
gegenüberständen.
Noch mehr als im letzten Jahr hat sich der Saal mit
den Ticketcountern zur Resterampe entwickelt. Man geht nicht mehr mit
einer Liste der gewünschten Filme an den Counter, sondern man schaut auf
die aufgeklebten Listen am Desk, welche der noch nicht ausverkauften Filme
man schließlich anschauen mag. Kinolotto sozusagen.
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Die illustren Sitzgelegenheiten vor den
Cafes rund um den Potsdamer Platz liegen ruhig und verschneit da... |
War im vergangenen Jahr der Begriff "Krise"
geradezu Berlinale-Motto samt Filmbeiträgen, so ist die Krise in diesem
Jahr eher spürbar. Da trifft man die beiden Ex-Inhaber einer gemeinsamen
Nachwuchs-Produktionsfirma, die sich jetzt einzeln als Producer in
größeren Firmen verdingen und augenscheinlich nicht unglücklich sind,
wieder zu wissen, wovon man die Miete zahlt. Oder es gibt Gerüchte, dass
es dem Postpro-Dienstleister, der schon einmal vor Jahren kriselte, erneut
gar nicht gut geht.
Ja und die Give-aways für die Presse wie
kostenfreies Mineralwasser, sind dieses Jahr auch verschwunden. Den
Sponsoren scheint es auch nicht allzu gut zu gehen. Glücklicherweise fand
sich in BMW ein freundlicher neuer Sponsor der mit Fahrzeugen aushilft. Da
sieht man gerne darüber hinweg, dass die Shuttle-Busse zum Europäischen
Filmmarkt, auf denen BMW-Sponsoren-Schriften prangen, von Konkurrent Ford
stammen.
Sonntag, 14. Februar
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Babylätzchen mit Berlinale-Aufdruck... |
Immer wieder auffällig, wie selbst- referenziell die
Berlinale sich an allen Ecken und Enden bespiegelt, die seltsamen
Großbild-Spots samt Werbeschaltungen vor dem Berlinale-Palast erzeugen
schon beim Vorbeigehen gruselige Schauer,- wie mag es erst den Passanten
gehen, die am Zaun vor dem roten Teppich länger verweilen, in der
Hoffnung, Teil eines Spektakels zu werden, welches nie wirklich eintritt.
Beeindruckend die langen Schlangen an den
öffentlichen Ticket-Schaltern,- tapfere Berliner Kinobesucher- oder ob
das alles akkreditierte Gäste sind, die gemerkt haben, dass sie hier
wenigstens Karten für die Filme bekommen, die sie sehen wollen?
Gewaltig auch der Andrang an den Souvenir-Shops zur
Berlinale,- schon erstaunlich wie man mit primitiven Plüscheisbären und
Babylätzchen mit echtem Berlinale-Aufdruck Kaufkraft erwecken kann.
Chapeau...
Und dass in den Arkaden heute nicht einfach
verkaufsoffener Sonntag ist, sondern "Berlinale-Shopping" kann
man nur als begnadeten PR-Coup bezeichnen.
Dass in Deutschland finanzierte und auf Deutsch
gedrehte Filme gerne auch mal aus Österreich oder der Schweiz stammen,
beweist nicht nur der diesjährige Oscar-Rummel sondern auch die
Berlinale, zwei der drei deutschsprachigen Wettbewerbsbeiträge sind
Koproduktionen aus Österreich.
Wenn es dann endlich die passenden Tickets gibt,
finden Sie Filmkritiken 2010 demnächst hier.
1.Kritik-
Die Friseuse
Montag, 15. Februar
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Beste Stimmung mit einem entspannten
Gastgeber- der Empfang im Tucher |
Morgens war sogar eine Ahnung von Sonne zu spüren,
ein guter Auftakt für einen Tag reich gefüllt mit Veranstaltungen. Da
war erst einmal der MEDIA-Info Tag im Ritz-Carlton Hotel, eine Gelegenheit
sehr geballt Informationen über die Aktuellen MEDIA-Fördermöglichkeiten
zu erhalten und viele internationale Vertreter dieser wichtigen
Fördereinrichtung zu treffen. Deutlich durchzuhören war auch ein
Interesse an neuen multimedialen Formen und Vertriebswegen. Und nach wie
vor unschlagbar bleibt der Umbrella- Standservice auf den internationalen
Filmmärkten von MEDIA.
Am Nachmittag dann zuerst einmal ein Familientreffen
in der Home-Base, zum dritten Mal in Folge lud die HFF München jetzige
Studierende, Ehemalige und Freunde zu Kaffee und Kuchen ein, eine
gelungene Veranstaltung und Gelegenheit, zahlreiche HFF ler wiederzusehen.
Ja und tatsächlich sogar für einen der Wunschfilme
eine Karte am Ticketcounter bekommen,- was die übrigen Filme angeht blieb
es allerdings bei dem tristen Eindruck des Vortags. Mittags ist schon
alles weg, da beginnt das Reste-buchen. Für den Vormittag und Nachmittag
sind die meisten Filme ausgebucht. Ja und wenn man dann in die Kinosäle
schaut, sind die scheinbar ausverkauften Säle gar nicht komplett
gefüllt,- ein altes Problem. Warum da noch niemand was entwickelt hat,
dass Akkreditierte per Handy Tickets wieder freigeben können, wenn sie es
nicht schaffen, bestimmte Vorstellungen wahrzunehmen, kann man gar nicht
verstehen. Wenn man mit Handys inzwischen den Sternenhimmel über sich
virtuell analysieren lassen kann, sollte so ein App doch ein Klacks für
mittelbegabte Programmierer sein...
Der europäische Filmmarkt scheint bereits leerer zu
sein als sonst an Montagen, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren,
als wenn die Sales- Aktivitäten in immer kürzerer Zeit abgewickelt
werden müssen.
Der vielleicht gelungenste Empfang des Tages war der
von A Company, eeap, TCME und Gala Media im Tucher direkt gegenüber der
Akademie der Künste. Deftige Live-Musik von "APPARATSCHIK", die
bewiesen, dass man einer Balalaika samt Tonabnehmer und Effekt-Pedalen
ganz fette Klänge entlocken kann, wenn man nur will und ein nicht weniger
deftiges Büffet ließen den Abend gemütlich ausklingen.
Dienstag, 16. Februar
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Empfang in der Akademie der Künste ganz
in Orange |
Der Morgen in der Landesvertretung Baden Würtemberg
hat einmal mehr die Weitsicht des weltgrößten Kinefilm- Herstellers
bewiesen. Kodak vergibt auch zahlreiche Einladungen an Filmstudenten,
wissend, dass der Nachwuchs die Kundschaft der Zukunft sein wird.
Ein freundlicher, ein unprätentiöser Empfang, keine
Ansprache,- alle wissen worum es geht, sondern freundliche Begrüßung
durch das Kodak-Team und ein unbefangener Vormittag mit vielen
Freunden.
Im Europäischen Filmmarkt werden bereits die ersten
Stände abgebaut- Dienstag- das ist rekordverdächtig, schließlich läuft
der Markt noch bis Freitag.
Ganz ins Logo-typische Orange getaucht der
arte-Empfang in der Kunstakademie am Pariser Platz. Viele Gäste drängen
sich und werden versorgt mit kleinen, nicht einmal genialen Häppchen, die
zu allem Überfluss nicht einmal Vegetariertauglich sind. Vielleicht
lässt arte Sarah Wiener einfach zu viel im Fernsehen kochen. Das führt
schon lange zu Erstaunen in der arte-Fangemeinde, wie man bis zu 30
Kochsendungen in manchen Monaten unterbringen kann, die samt
Wiederholungen auf bis zu 60 Ausstrahlungen im Monat führen kann.
Irgendwie versteht das niemand.
Aber vielleicht hängt man auch nur zu sehr an dem
beliebten Kulturkanal, dass einem solche Koch-Auswüchse die alles toppen,
was die Privatsender so in ihren TV Töpfen anrühren, einfach zu sehr
wehtun.
Erstaunlich, wie viele Berlinale-Gäste schlichte
Panik überkommt angesichts der vielen Eisflächen, die man selbst beim
Zurücklegen kürzester Entfernungen, fürchten muss. In dieser Hinsicht
spürt der Berlinale-Besucher hautnah die Sparzwänge der Hauptstadt, bis
an die Schmerzgrenze.
Der seit Jahrzehnten tätige Produzent erzählt, dass
er vor Jahren zwei ganze Wohnhäuser durch Fehleinschätzungen in der
Produktion verloren hat. Immer wieder erstaunlich, warum Menschen Filme
produzieren. Wer keine überteuerten Kinofilme, Serien oder Event-Filme produziert, muss schon ein
gewisses Maß an Wahnsinn mitbringen um bei den kleinen Budgets und dem
hohen Risiko noch glücklich zu werden.
Mittwoch, 17. Februar
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Die Eisschollen lassen erahnen, wie
dieser Weg bis Dienstag noch ausgesehen hat... |
Tagelang haben vor allem ausländische oder ältere
Teilnehmer des Festivals mit Entsetzen die Wege rund um das Festival mit
Angst und Verachtung gemieden. Selbst kürzeste Entfernungen wurden
notgedrungen zu Taxifahrten.
Doch nun die Überraschung: Nach nur 6 Tagen
Berlinale mit desaströsen Eisverhältnissen, Stürzen und Flüchen rund
um den Potsdamer Platz hat die Stadt bereits bemerkt, dass internationale
Festivalgäste nicht zwingend Bergschuhe und Steigeisen im Gepäck dabei
haben, um in die Kinos zu gelangen. Die dicken Eiswege zumindest am
Potsdamer Platz wurden auf etwa einen Meter Breite freigemacht, ein netter
Zug und ein schönes Zeichen der Gastfreundschaft.
Irgendwie erinnern die grau melierten Funktionäre
der Filmindustrie streckenweise an ihre Verwandten in der Pharmabranche.
Gut bezahlte Lobbyisten, welche sich darum kümmern, dass in allen
wesentlichen Förderrichtlinien für größere Beträge die kleinen
Independent-Produktionen gar nicht erst vorkommen.
Und genau wie die Pharma-Vorbilder sehen sich auch
ihre Lobby-Kollegen auf den Berlinale-Panels nicht imstande, die Kosten zu
senken. Alles wird eben teuer meint man und Qualität kostet eben, sagt
man, steigt in sein Taxi und lässt sich zum Fünfsterne Edelhotel rüber
chauffieren. (Dass aber viele Produktionsmittel der digitalen Art heute
nur noch einen Bruchteil der Beträge kosten, die man früher in
Schnittplätze, Tonstudios, Filmmischungen, Kameras etc. stecken musste,
wird in den gängigen Diskussionsrunden galant verschwiegen.)
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Jedes Jahr scheint der Markt früher zu
enden, Mittwoch sind schon zahlreiche Stände verwaist... |
Kein Panel und eher gelassen, einmal mehr der "early
morning brunch" der Filmanwälte im Berlin Capital-Club, wo
Entscheider in der Medienlandschaft sich treffen und miteinander reden. Da
findet der Produzent, dem kurzfristig ein Teil der Finanzierung
weggebrochen ist, Ersatz und kann beruhigt dem naheliegenden Drehbeginn
entgegensehen. Der Geschäftsführer eines neu geschaffenen Verlages dreht
geduldig seine Kreis um seine Dienste ins Gespräch zu bringen. Arbeit
eben, zwischen den Croissants. Ein gediegenes Frühstück unter
Vorständen, Redakteuren, Festivalchefs, Produzenten und ihren Anwälten.
Auch dieser Regisseur der finanzkräftigen
Entscheidern regelmäßig monströse Episodenfilme aufschwatzen will,
rennt hier herum, dabei war schon das letzte Werk nur schwer
konsumierbar.
Später auf der Happy Hour von Arri dichtes
Gedränge. Im Mandala Hotel mixt man illustre Drinks für die Gäste des
Münchner Filmdienstleisters, Kamera- und Scheinwerferherstellers. Danach,
draußen am Potsdamer Platz,- wie sollte es anders sein, eisiger Wind in
Berlins Mitte.
Donnerstag, 18. Februar
Also Sinn für Dramaturgie hat Berlin, das muss man
dem Festival lassen. Gibt es eine größere Steigerung als Tauwetter mit
herabstürzenden Dachlawinen und von der Feuerwehr aus Sicherheitsgründen
gesperrten Straßen? Riesenpfützen und überall eine graue Matschbrühe,
die sich dezent bis in den roten Teppich hinein ausbreitet.
Der Donnerstagvormittag gehört traditionell dem
bayerischen Empfang. Natürlich längst nicht nur ein Treffen der Bayern
sondern ein Gedankenaustausch quer durch das Land mit vielen wichtigen
Branchenvertretern von Nord bis Süd. Ein Seitenraum ist extra dem Thema 3
D gewidmet mit zahlreichen Beispielen für die Aufnahme- und
Wiedergabetechnik. Innovation wird in Bayern Ernst genommen, will man
signalisieren und wenn man schaut, wo die Hersteller angesiedelt sind, die
entsprechendes Equipment herstellen, haben sie nicht ganz unrecht.
In den öffentlichen Bussen spielen sich zeitweise
ganze Filmszenen ab, speziell wenn in einen ohnehin schon übervollen Bus
noch fünf Kindwägen hineingequetscht werden müssen. Und das müssen
sie,- Gelassenheit gehört nicht zu den Tugenden der Ureinwohner dieser
Stadt. Dass sich dabei ein unsägliches Gemisch aus "Berliner
Schnauze", "Ghettodeutsch" und gepflegtem Busfahrer
Amtsjargon zu einem Chor der Entnervten hochschaukelt, liegt nahe.
Glückliches Berlin,- jede Minute ein neuer Film...
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Gut sichtbar auf der rechten Seite das
Hotel, aus dem die Stars etwa 30 Meter herübergefahren werden zum
roten Teppich... |
Am Berlinale-Palast gibt es wie von Zauberhand wieder
Aufregung am Nachmittag. Aus dem Hintereingang des 30 Meter vom roten
Teppich entfernten Hotels springen Darsteller und Regisseure in die
Sponsoren-Autos, lassen sich um die Häuserecke zum roten Teppich fahren
und ins Blitzlichtgewitter hinein fallen.
Die große Frage: Wie lange hält man es im
kurzen Abendkleidchen wohl da draußen durch? Warum müssen nur die Frauen
frieren, werden nicht die Männer in Muskelshirts in Boxershorts auf dem
Teppich abgelichtet? Wie lange wird man danach krank sein?
Viele bedeutende Fragen, die sich da rund um den
roten Teppich auftun. Ich werde den Rückflug nutzen, um darüber
nachzudenken. Dass das halbe Flugzeug mit Münchner Filmleuten gefüllt
ist, versteht sich von selbst...
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