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DokFest 2003Die wunderbare Welt des Wahrhaftigen

Rund 100 internationale Dokumentarfilme, die reiche Ernte des vergangenen Jahres werden bis zum 10. Mai in München zu sehen sein, darunter zahlreiche Premieren.

Viele dieser Filme laufen im Wettbewerb, doch auch die Reihen „Aspects of Future“ mit Filmen aus Israel, Palästina, Iran, China, Argentinien, Peru, Kolumbien, eine Werkschau von „neuen Filmen aus Bayern“ sowie „Docs in Europe“ mit Dokus aus Schweden, Finnland, Griechenland, Frankreich und Deutschland, sind vielversprechend.

Die Präsenz des Dokumentar-Filmfestes an Münchner Plakatwänden ist beeindruckend, und entsprechend erfreulich auch die Schlangen an den Ticketschaltern für bestimmte Vorstellungen. Wenig Präsenz dagegen spürt man an den eigentlichen Spielstätten. Im Kulturzentrum Gasteig etwa, deutet im Foyer nur wenig auf das Festival hin, die Plakatierung für das erst in zwei Monaten stattfindende Münchner Filmfest ist da augenfälliger. Wie so oft, hängt die Antwort mit dem Geld zusammen, für Banner und sonstige Eyecatcher fehlte es einfach an Budget. So fragen sich die ortsfremden Besucher durch, wo die Karten?, wo die Vorführung?

Der Charme des „kleineren“ Münchner Festivals zeigt sich auch im Karten- Management. Hier wird von Hand gezählt, wie viele Restkarten noch vorhanden sind, werden Strichlisten für reservierte Tickets geführt. Geht auch und ist nachvollziehbarer als die Allmacht so manches rechnergestützten Ticketsystems, welches bei anderen Festivals häufig zu leeren Sitzreihen angeblich ausverkaufter Vorstellungen führt.

Gasteig FoyerTreffpunkt der Doku-Szene

Ja und dann ist das DokFest natürlich auch Familientreffen der Dokumentarfilmer, man sieht sich, kann die Arbeiten der Kollege-in-en in Projektion betrachten, kann Spannendes aus aller Welt betrachten. Film zum Anfassen. Da kommt einem der Kameramann des Filmes strahlend entgegen, die Cutterin stöhnt über das unendlich hohe Drehverhältnis (Video machts möglich), der Regisseur war vorher extra beim Friseur (kaum wiederzuerkennen).

Es gibt weniger Partys, eigentlich gar keine, dafür zwei Empfänge. Den Brunch der AG Dok, des Verbandes der Dokumentarfilmer in Deutschland, am Sonntagmorgen und den offiziellen Steh-Empfang im alten Rathaus am Dienstag Abend. Am Montag Nachmittag lädt MEDIA zu einer Podiumsdiskussion mit dem Thema „Sind Dokumentarfilme aus Deutschland international verkäuflich?“ ins Amerika-Haus. (Infos über MEDIA ANTENNE München.)

Ein Glück, dass es überhaupt stattfinden kann, dass sich die Stadt, das Land und diverse Sponsoren gefunden haben, eine neue Ausgabe dieser wichtigen Einrichtung zu ermöglichen, das sah nicht immer so aus und auch in diesem Jahr bedeutet das kleine Budget einen permanenten Balance-Akt..

Filme sehen

Zahlreiche Filme sind nur ein einziges Mal im Rahmen des Festivals zu sehen, unsere Besprechungen können daher weniger als Empfehlungen zum Besuch, denn als Bestandsaufnahme dienen.

So wird wohl eher das offizielle Programm als Anhaltspunkt für die persönliche Filmauswahl dienen müssen. Zu finden unter anderem auf der Website des DokFilm Festivals.

 

 

Vaterland

Gesehen von Daniel Vogelmann

 
 
Winona La Duke, Die Donnervogelfrau

von Claus Biegert & Bertram Verhaag.
Kamera: Gerardo Milzstein, Ton: Zoltan Ravasz, Schnitt: Gabriele Köber

Donnervogel-FrauWinona La Duke - Dieser Name steht für eine Frau, die ständig in Bewegung ist, sowohl in physischen Sinn als auch auf geistiger Ebene. Die Tochter einer jüdischen Künstlerin und eines indianischen Western-Stuntman kämpft für die Indianerbewegung und einen alternativen, umweltschonenden Lebenswandel und gegen die Ignoranz der amerikanischen Politik. Bereits mit 17 Jahren kandidierte die Harvard-Absolventin bei der UNO und wurde als erste Ureinwohnerin in den Vorstand von Greenpeace berufen. Zur Zeit bewohnt sie das Heimatreservat White Earth ihres Vaters. Ihr Haus dort ist der Dreh- und Angelpunkt ihres Tuns, bei dem sie von mehreren Praktikanten unterstützt wird, sowie in regen Kontakt zu weiteren Mitstreitern steht. Die Dokumentation begleitet Winona bei einer Vielzahl ihrer Aktivitäten, zeigt wie sie sich politisch und für die Umwelt engagiert oder wie sie gegen den Uranabbau auf anderen Reservaten kämpft. Trotz dieser zeitaufwendigen Initiativen findet sie dennoch die Zeit sich an der Wildreisernte zu beteiligen, ein Buch zu schreiben oder mit ihren Kindern Essen zu kochen.

Der Film von Bertram Verhaag und Claus Biegert dokumentiert in ruhigen Bildern die zahlreichen Aktivitäten dieser bemerkenswert engagierten Frau. Bedauerlicherweise sorgten redaktionelle Vorgaben dafür, dass der Schwerpunkt der Dokumentation auf der Porträtierung von Winona La Duke lag. Politische Zusammenhänge fanden zwar auch Eingang, doch letztlich mussten einige Fragen zu politischen Gegebenheiten unbeantwortet bleiben. Wünschenswert wäre es, wenn der Film auch in Amerika zu sehen sein wird, damit die Amerikaner nicht nur etwas über den beliebten Standort ihrer Ferienhäuser (nämlich auf den Indianerreservaten!!) lernen können.

gesehen von Birgit Bagdahn, 04.05.2003
 
Contergan: Die Eltern

von Andreas Fischer
Kamera: Roland Breitschuh, Ralph Kaechle, Dieter Stürmer, Ton: Thomas Bianga, Til Butenschön, Schnitt: Martina Pille, Fabienne Westhoff.

Conterganfamilie1957 kam das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan auf den Markt. Das als harmlos eingestufte Mittel wurde nicht nur von den Ärzten gerne und häufig verschrieben, sondern war auch rezeptfrei in Apotheken erhältlich. Als in den darauf folgenden Jahren ca. 5000 missgebildete Kinder geboren wurden, wovon 2800 überlebten, geriet das Medikament in Verruf und wurde vom Markt genommen. Wie teilweise schon die Einnahme einer einzelnen Tablette das Leben der werdenden Eltern veränderte, zeigt die Dokumentation von Andreas Fischer. Detailliert erzählen die Eltern vom ersten Kennenlernen und dem Zusammenleben in den 50er Jahren, über den Grund für die Contergan-Einnahme, die Zeit der Schwangerschaft und dem Schock bei der Geburt über das unerwartet missgebildete Kind. Sie schildern den Umgang und das Leben mit einem behinderten Kind in den 60er Jahren, sprechen von Schuldgefühlen und Anfeindungen der Umwelt, mit denen sie sich auseinander setzen mussten.

 Der Film besticht durch die ergreifende Offenheit mit der die Eltern von den Geschehnissen berichten. Die zurückhaltende Kameraführung ermöglicht es, dass der Zuschauer an den Gefühlen, Ängsten und Hoffnungen der Betroffenen regelrecht teilnimmt. Bedauerlich ist allerdings, dass der holprige Schnitt einen immer wieder aus den bewegenden Erzählungen reißt. Auch sind die Schilderungen zwar chronologisch, oft aber teilweise etwas zusammenhanglos aneinander gereiht. Die Einbindung von Archivmaterial und Fotos bereichert dagegen die Dokumentation Großes Lob gab es bei der anschließenden Publikumsdiskussion für die betroffenen Eltern und für die sensible Regie von Andreas Fischer. Obwohl die Folgen von Contergan in den letzten Jahren des öfteren thematisiert wurden, ist es nach wie vor nicht nur für die Betroffenen ein heikles Thema. Ziel dieses Film, der im Auftrag des Bundesverbandes Contergangeschädigter e.V. entstand ist, war es ein Zeichen zu setzen, Vorurteile zu entkräftigen und für mehr Toleranz gegenüber Behinderten zu werben. Die Dokumentation hat, gerade weil sie die Sicht der Eltern schildert, einen großen Beitrag zu diesem Thema geleistet.

gesehen von Birgit Bagdahn, 04.05.2003
 
Kroppen Min

von Margreth Olin

Kamera:  Kim Hiorthoy , Ton: Hilde Heyerdal, Kari Nytro, Per Hustad, Häkon Lammeton,  Schnitt: Helge Billing

Der 26minütige Film erzählt die Geschichte von Margreths Körper. Schon früh entdeckte die Außenwelt an ihr die ersten "Fehler": Überbiss, keine Taille, unförmige Füße, krumme Finger, viel zu dicker Hals..
Margreths Reaktion darauf: Bauch einziehen, keine Sandalen tragen und nur noch mit geschlossenen Mund lächeln... Erst durch einige Beziehungen mit Männern, die gerade diese "Schwachstellen" an ihr begehrenswert fanden und der Geburt ihrer Tochter schließt sie Frieden mit ihrem Körper. Die Bilder, die die einzelnen Erlebnisse zeigen, die für Margreths Körpergefühl prägend waren, werde von einer Stimme aus dem Off amüsant-souverän kommentiert. Das ganze erinnert an ein bebildertes Tagebuch.

„Frauenzeitschriften und Modebranchen führen einen Krieg gegen den weiblichen Körper". Dieser Satz der Regisseurin und die Ankündigung im Programmheft hatten mein Interesse an dem Film geweckt. Doch nachdem ich ihn mir angesehen hatte, war ich ein wenig enttäuscht. Ich hatte mir von diesem Thema irgendwie mehr versprochen. Tiefgründiger. Der Film kratze dagegen in seiner Umsetzung leider nur an der Oberfläche. So daß ich auch den experimentellen Charakter mit wackelnden, teils farbigen, teils schwarz-weißen, oft unscharfen, manchmal kaum definierbaren, grobkörnigen Bildern auf Dauer nur noch als ermüdend empfand

gesehen von Birgit Bagdahn, 04.05.03

Balseros

von Carles Bosch und Josep M. Domènech
Kamera: Josep M. Domènech, Ton: Juan Sanchez "Cuti", Schnitt: Ernest Blasi

Die USA ist das Land ihrer Träume. Im Heimatland herrscht Armut und Arbeitslosigkeit. Man sieht kubanische Flüchtlinge, die alles unternehmen, um das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu erreichen und dabei selbst eine waghalsige Meeresüberfahrt in Kauf nehmen. Die Reise mit der eigenen Fähre aus Holz und Gummireifen, für dessen Bau das eigene Haus zerlegt wurde, endet jedoch nur selten in Miami. Viele bezahlen ihren Fluchtversuch mit dem Leben, andere werden von der Küstenwache aufgespürt und im Flüchtlingslager auf der US-Militärbasis Guantanamo untergebracht. Für manch Glückliche ergibt sich nach monatelangem Warten sogar die Möglichkeit, in das ersehnte Land einzufliegen.

Regisseur Carles Bosch und Joseph M. Domènech begleiten einige dieser „Balseros“ über mehrere Jahre hinweg und dokumentieren nicht nur den Fluchtversuch, sondern ebenso ihr neues Leben in der USA. Dieses entwickelt sich sehr unterschiedlich. Während sich manche den „American Way of Life“ erfolgreich zu eigen machen, stehen andere in ihrer Sehnsucht nach der Heimat einer fremden Welt gegenüber.
Die zweistündige Doku befasst sich weniger mit der Gesamtproblematik kubanischer Flüchtlingsströme, für die es Gründe oder Lösungen zu suchen gäbe, sondern taucht vielmehr in die einzelnen Lebensschicksale der Flüchtlinge ein. Der Zuschauer spürt sehr nahe das emotionale Befinden der begleiteten Personen und Familien und erfährt ihre Sorgen, Ängste, oder auch Freuden innerhalb ihres alten und neuen Lebens. Obwohl sich die beiden Regisseure mit einem sehr ernsten und schwierigen Thema auseinandersetzen, meistern sie dessen Dokumentation in einer wunderbaren Leichtigkeit, die über die vielgezeigten Probleme hinweghilft, dabei aber nicht die Nöte der Menschen vergessen lässt. Die Vermittlung dieser positiven Gesamtstimmung gelingt einerseits durch die Verwendung erheiternder, kubanischer Musik in Kombination mit einer gelungenen Montage der verschiedenen Lebensschicksale und anderseits durch die ohnehin lebensfrohe Einstellung der Kubaner, die trotz der schwierigen Situation ihr Lachen nicht verlieren.

gesehen von Christian Schall, 06.05.03
 
Golden Lemons

von Jörg Siepmann
Kamera: Hajo Schomerus Ton: Tobi Fleig Schnitt: Benjamin Ikes Musik: n/a Produktion: 2 Pilots Länge: 82 min

"Wir sind die Goldenen Zitronen aus Hamburg. Northern Europe." So stellt sich die deutsche Punkband jeden Abend auf ihrer US-Tournee ihrem amerikanischen Publikum vor. Dieses interessiert sich jedoch nur peripher für die linkspolitischen Texter aus Deutschland, hören sich deren Musik zwar an, warten eigentlich auf den Haupt Act: Wesley Willis, ein dicker schwarzer Pseudo-Rocker, der zu seinen konsequent eintönigen Casio-Keyboard-Klängen durch und durch amerikanische Texte nuschelt. Zwei komplett konträre Weltansichten prallen aufeinander.

Die Dokumentarfilmer Siepmann begleitet dieses ungleiche Gespann auf einer Tour durch den Süden der USA. Es geht um Lebenseinstellungen, Zukunftsperspektiven und um diesen furchtbaren Willis. Begleitet von seinem Manager, der gleichzeitig noch Tourbusfahrer und Krankenpfleger des schizophren-autistischen Fleischberges ist, tourt er mit angeblich 5000 Songs im Gepäck 200 Tage im Jahr durch amerikanische Clubs. Diesmal jedoch mit den "Zitronen" als Vorband.

Nach der Prämiere auf der Berlinale dieses Jahres waren die "Zitronen" Jörg Siepmann zufolge höchst unzufrieden mit dem Film. Die größeren Konzerte wurden nicht gezeigt, zu subjektiv die Auswahl der Kommentare, Siepmann wäre schon mit einer negativen Grundeinstellung an das Projekt herangetreten. Gottlob! Objektivität hätte diesen Film komplett zerstört oder zu mindest gähnend gewöhnlich gemacht. Dank der bissig-liebevollen Montage steigt der Film jedoch auf ein Niveau höchster Unterhaltung. Richtig gut wegkommen tut hierbei natürlich keiner, ist aber auch egal, da es einen Unterschied geben muss zwischen Doku und Imagefilm. Anscheinend fand dieser wunderbare Film gar einen Verleih, der ihn mit vier oder fünf Kopien diesen Sommer in die Kinos bringen will. Für alle "Blume der Hausfrau"- und "Herr Wichmann"-Fans ist dieser Film ein Muss!

gesehen von Daniel Vogelmann, 06.05.2003
 
Die Achte Welt

von Fridolin Schley
Kamera: Fridolin Schley Schnitt: Fridolin Schley  Prod: HFF München L: 23 min

Weihnachten, Geburtstag, Skiurlaub - die alten Super 8 Familien-Filme aus den siebziger und achtziger Jahren dokumentieren stets die Höhepunkte im Familienalltag, ohne Ton und mit blassen Farben, nicht wie die neueren Videokameras, die Mitte der Achtziger den Untergang des Super-8 Formats einläuteten.

Aus solchen Familienaufnahmen fünf unterschiedlicher Familien hat Fridolin Schley einen Kurzfilm zusammengeschnitten, der mit viel Off-Kommentar versucht den Konsens des Wertes Familie zu definieren, anhand der aufgezeichneten "Rituale". Stellenweise gelingt dies auch, z.B. durch schöne Schnitte über Jahrzehnte hinweg die immergleiche Handlung und Verhaltensweisen dokumentieren: der Vater, der sich immer selbst vor der Kamera inszenieren muss, die stets lächelnde Ehefrau, das ständige Gewinke ...

Mit der Zeit verliert sich der Film aber in sich selbst und versucht zu tiefgründige Interpretationen mittels des ständig präsenten Off-Kommentars in Situation hinein, die vielleicht wirklich nur eine Familienfeier oder einen Ausflug zeigen. Dies mag vielleicht daran liegen, dass der Regisseur fast ausschließlich mit vorhandenem Originalmaterial gearbeitet hat, und dies sicher sehr schwer interessant zu gestalten ist (jeder, der mehr als zwei Minuten alte Super-8 Urlaubsfilme seiner Nachbarn ertragen musste, wird dies bestätigen können).

gesehen von Jochen Miksch, 07.05.03
 
Himmelreich

von Jan Bosse
Kamera: Jörg Schmidt-Reitwein Ton: Udo Steinhauser Schnitt: Peter Przygodda  Prod: HFF  L: 25 min

Winter in Deutschland. Ein Campingplatz außerhalb Berlins, auf einer kleinen Insel. Das alte Kino zeugt noch von den Zeiten der DDR. Dieses ist der einzige Veranstaltungsort für die vier Dauerbewohner Peter, Heinz, Ralf und Gabi auf dem Campingplatz "Himmelreich".

Es herrscht eine seltsam melancholische und ruhige Stimmung, jetzt im Winter, da nur die Vier den Platz mit Leben erfüllen. Viel wird zwar nicht von den einzelnen Charakteren berichtet, aber es sind wünderschöne Bilder in schwarzweiss, die den Alltag und das Gefühl auf diesem Ort jenseits von allem dokumentieren. Heinz und Ralf philosophieren zusammen, Peter schießt gern mal mit seinem Gewehr auf ein paar alte Gegenstände, und Gabi bleibt mehr oder weniger für sich. Nur gemeinsam musizieren und tanzen sieht man sie einmal im Film.

Der Film ist weniger informativ, mehr darstellend oder beschreibend angelegt, mit voller Absicht des Autors und dessen Auffassung von Dokumentarfilm. Sicher nicht jedermanns Auffassung, auch wegen der vielen inszenierten Szenen, aber trotzdem ein glaubhaftes Bild vom wirklichen Leben in diesem "Himmelreich".

gesehen von Jochen Miksch, 07.05.03
 
Finow

von Susanne Quester
Kamera: Jens Grünhagen Ton: Mieko Azuma Schnitt: Susanne Quester  Prod: HFF L: 8 min

Die Finowianer ernähren sich hauptsächlich von Bananen. Finanzieren tun sie dies durch eine von Ihnen gegründete Gerüstbaufirma namens Finow. Sie leben glücklich in einer klassenlosen Gesellschaft ohne Polizei. Aber Ihre Existenz ist bedroht: Immer mehr Gerüstbaufirmen drängen auf den Markt und die Finowianer fürchten, sich bald nicht mehr Ihre Bananen leisten zu können.

Hört sich nicht nach Doku an? Stimmt, ist es auch nicht. Belanglos? Vielleicht, aber sehr amüsant anzusehen, wie die Finowianer (dargestellt durch Kinder aus dem Waldkindergarten Starnberg) Ihren Alltag organisieren. Aus eigentlich nur spielenden Kindern, wird mit Hilfe einer Erzählerstimme eine neue Gesellschaft mit neuer Wirtschaftsordnung, Arbeitsteilung, Politik usw. geschaffen. Zwar verliert die Idee nach einer Weile an Kraft und Spannung, aber der Schluss mit den "flüchtenden und emigrierenden" Kindern bringt einen dann doch nochmals zum Lachen. Sicher kein reinrassiger Dokumentarfilm, aber eine wundervoll umgesetzte Idee.

gesehen von Jochen Miksch, 07.05.03
 
One Room Man - Kevin Coyne

von Boris Tomschiczek
Kamera: Maximilian Plettau Ton: Knut Karger Schnitt: Knut Karger Prod.: HFF L: 28 min

Kevin Coyne, eine britische Rock'n'Roll und Blues-Legende mit über 40 Alben, lies sich zusammen mit Regisseur und Team für eine Nacht in einen Raum "sperren", um dort zu improvisieren und über sein und das Leben allgemein zu philosophieren.

Er erzählt von seinem Nervenzusammenbruch in jungen Jahren, seiner inneren Wut und seinem künstlerischen Schaffen, und das der Mensch eigentlich nur ein Zimmer zum Leben braucht. Daher auch die Idee dieses ungewöhnlichen Dokumentarfilms, der lediglich in einer einzigen Nacht mit drei DV-Kameras verwirklicht wurde.

Mir persönlich fehlte der Zugang zu dem Film, da ich weder besonders großer Bluesfan bin, noch Kevin Coyne mir etwas sagte. Auch war der Musiker teilweise schwer verständlich, was zum Teil an seiner undeutlichen Aussprache, meinen lediglich 9 Jahren Englisch-Unterricht, der drückenden Schwüle im Kino oder den drei Bier gelegen haben könnte. Dennoch hatte er einige Interessante Dinge zu sagen wie z.B., dass man, wenn man stirbt, im dunklen Zimmer von Dingen umgeben ist, die man sein ganzes Leben kennt und die einem sehr vertraut sind. Trotz dieser und anderer Weisheiten, war das Kino am Ende erstaunlicherweise nur noch halbvoll. Die anschließende Diskussion mit dem Cutter (Regisseur war bei Dreharbeiten in Kroatien) zeigte dann aber die Besonderheit dieses Filmes auf, da Kevin Coyne normalerweise niemandem Interviews gibt, und dieser Film sicherlich ein sehenswertes und rares Ereignis für alle seine Fans ist.

gesehen von Jochen Miksch, 07.05.03
 
Poem

von Ralf Schmerberg
Kamera: Robby Müller, Darius Khondij, Franz Lustig, Jörg Schmidt-Reitwein, Nicola Pecori, Ton: Martin Steyer, Schnitt: Rick Waller

So stelle ich mir einen gelungenen Kinoabend vor. Nach 90 Minuten verlässt der, vom eben gesehenen, berauschte Zuschauer mit beeindrucken Bildern im Kopf und wunderschönen Worten im Herzen den Kinosaal. Nicht wie so oft mußte man sich durch mühsame Dialoge und holprige Handlungen quälen, stattdessen erwarten einen bewegende, geheimnisvolle, abstrakte, suggestive, verstörende oder bizarre Bilder voller Magie und Ausdruckskraft.

Dem Problem der fortschreitenden Auflösung der Sprache hat sich der Regisseur Ralf Schmerberg mit "Poem" auf eine ganz eigene und besondere Art gewidmet. Sprache ist hier der einzige Grund weswegen der Film überhaupt existiert. Hier ist sie so lebendig und leuchtend wie es selten der Fall ist.

19 Gedichte von Lyrikern wie beispielsweise Ernst Jandel, Hermann Hesse, Paul Celan, Kurt Tucholsky oder Rainer Maria Rilke bilden die Vorlage für diese Liebeserklärung an die Macht des gesprochenen Wortes. Jedes dieser Gedichte wurde zu einer eigenen visuellen Episode. Namhafte Schauspieler wie Klaus Maria Brandauer, Meret Becker, Jürgen Vogel, Hannelore Elsner, Anna Thalbach oder Richy Müller standen für dieses Projekt vor der Kamera oder rezitierten die lyrischen Werke. Bevor ich mir den Film angesehen habe, konnte ich mir nicht vorstellen, daß man die Kraft der Poesie in einer derartigen visuellen Schönheit und Klarheit umsetzen kann. Doch glücklicherweise irrte ich mich.

Die visuelle Umsetzung der Lyrik sprüht nur so vor Originalität, Ideenreichtum und Mut. Es ist nie die nahe liegendste Lösung und doch könnte sie jeweils nicht treffender gewählt sein. Die oft gegensätzlichen Episoden verlangen dem Zuschauer einiges ab, denn aufgrund der schnellen Abfolge der Geschichten, bleibt keine Zeit das Gesehene wirklich in seiner Komplexität auf sich wirken zu lassen. Mal findet sich der Zuschauer an Schauplätzen wie Island, im Himalaya oder Rio wieder, ein anderes mal in einer Sozialwohnung, in der Jürgen Vogel umgeben von Spielzeug, Chips, einer nervigen Ehefrau und Kindergebrüll einen Proll im ganz alltäglichen Wahnsinn gibt. In einer Episode rezitiert Richy Müller Heiner Müllers Gedicht "Ich kann dir die Welt nicht zu Füßen legen" während man auf mehrere sich entflammende Hochzeitskleider blickt. Doch das Herz des Betroffenen steht nicht in Flammen. Hier findet die Zerstörung der Illusion Liebe statt.

"Poem" ist eine Reise durch die vielen Stationen unseres Daseins. Gefüllt mit Leben, Träumen, Ängsten und Hoffnungen. Die Zuschauerreaktionen waren gemischt. Während einige früher gingen, gab es von anderer Seite Zwischenapplaus. Nach Filmende ging ein vereinzeltes Buhrufen im ansonsten zustimmenden Applaus unter. Ralf Schmerberg, der sich bisher vor allem als Werbefilm- und Musikvideoregisseur einen Namen gemacht hat, musste seinen Film in erster Linie aus Honoraren früherer Aufträge finanzieren, da er mit seiner Idee bei Filmförderern und Redaktionen auf taube Ohren stieß. Deutsche Lyrik im Zusammenspiel mit Film wollte man sich dort scheinbar nicht vorstellen. "Eher hätte ich ein fickendes Pärchen auf dem Alex durchgekriegt als diesen Film", so der entäuschte Schmerberg. Am heutigen Donnerstag läuft der Film bundesweit in den Kinos an. Nicht entgehen lassen!

gesehen von Birgit Bagdahn, 07.05.03
 
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