Ein kleines Meisterwerk hat den Festivalzuschauern die israelische
Filmhochschule "Sam Spiegel Film & Television School"
präsentiert. Der Film "Henna" von Idan Hubel zeigt einen
Ausschnitt aus dem Leben einer kleinen marokkanischen Familie, die in Israel
lebt.
Ruths Tochter
wird in Kürze heiraten. Da sie ihr ganzes Leben lang ihre Herkunft
verleugnet hat, zerbrach dadurch die Beziehung zu ihrer Tochter. Sie wirft
ihrer Mutter vor, ein "Doppelleben" geführt zu haben. Ruth ist
eine wohlhabende, erfolgreiche Frau, die in ihrem Leben alles erreicht hat,
was sie sich erhoffte. Der Konflikt der beiden entstand schon vor Jahren.
Sie sprachen sich nie aus und es kam zu den bitteren Missverständnissen.
Die Tochter hält die Handlungen ihrer Mutter für falsch und
oberflächlich. Für sie ist Ruths Lebenseinstellung fremd und in mancher
Hinsicht unakzeptabel. Die Mutter versucht ihrerseits die Position der
Tochter zu verstehen. Sie stellt sich die Frage, was könnte sie im Bezug
auf die Erziehung ihres Kindes falsch gemacht haben und warum gibt ihre
Tochter ihr keine Liebe und Achtung. Ruths Schwester meint, dass wenn sie
zwei Kinder auf die Welt gebracht hätte, würde wenigstens eins ihre
mütterliche Liebe erwidern.
Als die Tochter mit ihrem Mann bei ihr zuhause ankommt, spüren alle eine
unangenehme Spannung zwischen Mutter und Tochter. Als die Verlobten in ihrem
Zimmer verschwinden, belauscht Ruth ihr Gespräch und bekommt wieder die
böse Bestätigung, dass sich nichts an der Haltung der Tochter ihr
gegenüber geändert hat. Womit hat sie das nur verdient? Die ganze
Situation verlangt nach einer Aussprache. Die findet tatsächlich statt und
die Tochter versucht ihrer Mutter zu erklären, was sie an ihr stört und
was sie ändern muss, um ihre Liebe und Zuneigung wieder zu gewinnen. Ruth
soll sich endlich von allen Vorurteilen freimachen und ehrlich zu sich
selbst sein. Um zu zeigen, dass sie wieder ihre marokkanischen Wurzeln
akzeptiert, veranstaltet die Mutter eine traditionelle Henna-Feier.
Obwohl wir nur einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben dieser Familie sehen
dürfen, ist es dem Regisseur gelungen die ganze Dramatik dieser
Mutter-Tochter Beziehung auf der Leinwand zu offenbaren. Wir sehen nicht,
wie sich die Situation zwischen den beiden im Laufe der Jahre zugespitzt
hat, doch durch die cleveren Dialoge und die überzeugende Darstellung der
Schauspieler fühlen wir einfach den Schmerz, den die beiden seit Ewigkeit
mit sich herumtragen, mit. Und ihre Versöhnung am Ende rührt uns sogar zu
der einen oder anderen Träne.
Dieser Film bestätigt wieder den Gedanken, dass die besten Geschichten
das Leben selbst liefert. Man muss nur gut beobachten können und ein
offenes Ohr für die Leute und ihre Stories haben.
Dieser
warmherzige Film von Leszek Dawid erzählt von zwei polnischen Jungs Marek
und Piotrek, die fast 30 sind, wohnen aber immer noch bei ihren Eltern in
einer Kleinstadt. Die beiden haben Träume von einem besseren Leben mit
Perspektiven und Zukunftsaussichten. Sie wollen unbedingt aus der Situation
raus, in die sie von der in ihrer Heimat herrschenden Armut und Ungewissheit
getrieben wurden. Marek hat ein Ziel, eine kleine Bar irgendwo in London zu
öffnen. Nichts abgehobenes, einfach eine gemütliche Ecke, wo die Menschen,
ein gutes Essen und Trinken bekommen und sich einfach wohl fühlen. Diese
konkrete Vorstellung über das Glück, das man in einem fremden Land finden
könnte, treibt die Freunde zu Taten: Sie nehmen das Nötigste mit und
begeben sich auf eine lange Reise mit dem Bus nach London. Marek und Piotrek
haben keine Ahnung, was sie erwartet, doch an Optimismus fehlt es den beiden
sicher nicht. Sie schaffen es sogar problemlos die Grenze zu überqueren,
obwohl sie keine richtigen Papiere haben. Das empfinden sie als ein gutes
Zeichen auf dem Weg zur Verwirklichung ihrer Träume.
Als Marek und Piotrek in London ankommen, entpuppt sich das ganze
Abenteuer als nicht so positiv wie sie es erwartet hatten. Es wird nicht
leicht für die beiden in London einen Job zu finden. Niemand interessiert
sich für die zwei Polen und keiner will ihnen helfen. Die Leute, mit denen
sie sich noch in Polen über Arbeit abgesprochen hatten, verlangen jetzt
mehr Geld. Die rosige Illusion, die sie auf dem Weg hierher hatten,
verschwindet langsam. Marek und Piotrek müssen sich um andere Dinge
kümmern, wie zum Beispiel einen Dach über den Kopf finden.
Diese Geschichte ist nicht nur ein Einzelfall, sondern spiegelt das
heutige Leben vieler jungen Polen, die ihr Glück woanders versuchen,
wieder. Was den Zuschauer berührt und verzaubert, ist die Unbefangenheit
der beiden Protagonisten und ihre grenzenlose Naivität. Doch andererseits
sind die beiden sehr selbstbewusst und zielsicher in ihrem Vorhaben. Die
Freunde geben so schnell nicht auf, da wo andere wahrscheinlich schon
längst alles hingeschmissen hätten, beweisen sie ihr Durchhaltevermögen.
Sie sind in einem fremden Land und haben überhaupt keine Sprachkenntnisse,
doch sie verlieren nicht ihren Optimismus um ihre Träume zu verwirklichen.
Der Zuschauer bindet sich unbewusst und emotional an das weitere Schicksal
der beiden und fiebert während des Filmes mit.
Man merkt gleich an den tollen Bildern, dass der junge Filmemacher schon
Erfahrung als Kameramann sammeln konnte. Im Film "Momentary" von
Antonin Monmart gibt es keine Dialoge, stattdessen lässt der Regisseur die
eindrucksvollen Bilder sprechen. Die Leistungen der Schauspieler sind sehr
hoch und der Inhalt der Geschichte wird durch ihre Gesichtsmimik an den
Zuschauer übermittelt.
Man sieht eine Frau mit einem kleinen Jungen, die in den Bus einsteigt.
Sie wirkt verletzlich und müde. Man weißt nicht, was die Ursachen ihrer
Traurigkeit sind. Ihr wandelnder leerer Blick hält für einen Augenblick an
einem jungen sympathischen Man mit vertrauensvollen Augen fest. Als ob der
Unbekannte ihren Blick gespürt hätte, blickt er zu der Frau hoch. Die Zeit
scheint für einen Moment still zu sein. Die beiden schauen sich kurz tief
in die Augen und in dieser Sekunde fühlen sie sich zu einander hingezogen,
ohne einen einzigen Satz ausgesprochen zu haben. Es scheint, als ob sie ihn
in diesem Augenblick inspizieren würde. Ihr Blick ist voller Verzweifelung.
Der Mann steht auf und macht seinen Platz für die Frau mit dem Kind frei.
Der Bus bremst scharf, ihre Tasche fällt vom Sitz auf den Boden und Orangen
rollen über den Boden des Busses. Sie sind wie helle warme Flecken, ein
Symbol der Freude am Leben. Im Gegensatz dazu steht der düstere Bus voller
Schmerz und menschlicher Traurigkeit. Die Frau kniet sich zum Boden, um die
Orangen zu sammeln und plötzlich sieht sie wie die Bustür sich öffnet.
Ist es ein Ausweg oder ein Fluchtweg...?
Obwohl die
russische Schule VGIK die älteste Filmschule der Welt ist, hat der Film von
Aleksandr Lamakin mich persönlich nicht überzeugen können. Peinlich war,
als der Film noch ohne Untertitel lief und niemand wahrscheinlich außer mir
als Russin im Saal etwas verstanden hat. Die Bilder und der Inhalt waren
nicht stark genug, um den armen Zuschauer so zu fesseln, dass ihn die Story
auch ohne Sprache interessierte.
Das ausgewählte Thema ist in Russland sehr aktuell und "In",
und jeder dritte Regisseur befasst sich mit dem Thema Krieg. Dabei liefert
das Leben in Russland gerade für die jungen Filmemacher so viele tolle
Sujets, aus denen man interessante Filme machen könnte, ohne den Stereotypen
des heutigen Filmmarkts zu folgen.
Der Hauptfigur ist ein Soldat, der erst kürzlich in die Armee eingezogen
wurde. Er verabschiedet sich von seinen Eltern, um die Heimatstadt zu
verlassen und eventuell in den Krieg zu ziehen. Für ihn beginnt ab diesem
Zeitpunkt ein neuer Lebensabschnitt ohne seine Eltern und Freunde, weit weg
von der Heimat. Wir sehen die letzten Minuten bevor er seine gewohnte
Umgebung verlässt und aus der Haustür tritt. Unten im Treppenhaus angelang,
wird ihm plötzlich schmerzlich bewusst, dass er für lange Zeit fort geht
und vielleicht die Menschen, die er liebt.
Von diesem schreienden Titel "Love" habe ich mehr erwartet, als
eine Geschichte voller Klischees. Dem Regisseur ist es leider nicht gelungen,
die starke Liebe zwischen dem Sohn und seinen Eltern zum Ausdruck zu bringen
und die ganze Dramatik des Einzuges in die Armee zu übermitteln.
"Lebensnotwendigkeiten"
Noch nie wurden die elementarsten Dinge des Lebens - Essen, Scheißen,
(pardon: sein Geschäft machen) und Sterben - so auf den Punkt gebracht, wie
in "Eat, Shit and Die" von Sarah Paar. Ein Trickfilm im einfachen
Schwarz und Weiß mit einem einseitigen Dialog zwischen einer Wolke mit
befehlendem Finger und Stimme und einem Mädchen, die mehr oder weiniger
willig den Befehlen flogt: sie isst, scheißt und stirbt am Ende.
Der Film ist überraschend kurz, aber im Grunde wurde ja alles gesagt.
"Spielzeug mit Eigenleben"
Ein Junge findet ein rotes Spielzeug, dem man die verschiedensten Töne und
Geräusche entlocken kann, auf dem Müll. Fasziniert nimmt er es mit. Als er
seinem Lehrer begegnet, geht es nicht mehr abzuschalten und dieser nimmt es
ihm ab. Auch auf ihn wirkt das Spielzeug faszinierend nur leider simuliert es
gerade Schüsse, als er an Soldaten vorüber kommt. Sie nehmen es an sich,
bis sie es einem Händler
unterschieben müssen, da es nicht mehr abzuschalten geht, als ihr
Vorgesetzter erscheint.
Der Händler verkauft es an zwei chinesische Touristen, die es in einer
Synagoge an eine Nonne abgeben müssen, weil es partout keinen Off-Button zu
geben scheint. Die Nonne schenkt es einem kleinen Jungen. Erst magisch davon
angezogen, schmeißt er es schließlich wieder auf den Müll, weil es keinen
Befehlen folgt...
So unternimmt das Spielzeug eine abenteuerliche Reise durch Jerusalem, geht
von Hand zu Hand, von Religionsvertretern zu Soldaten, von Kindern zu
Erwachsenen, von Einheimischen zu Fremden und eint alle in ihrer Faszination
für das fast magische rote Spielzeug, während die Überwachungskameras in
den Straßen der Stadt immer dabei sind.
Der Film besticht vor allem durch seine Geräuschkulisse und seine
Toneffekte. Nur selten werden Dialoge eingesetzt, die in der Musik und dem
Rhythmus der Geräusche fast störend wirken. Die Kameraperspektive wechselt
von objektiver zu subjektiver Betrachtung und ist immer auf den
Hauptprotagonisten fixiert - das rote Spielzeug. Man ist mitten in der
Geschichte und reist mit dem Spielzeug durch die Stadt, von Mensch zu Mensch.
"Gebrandmarkt"
In einer Schule hat die Markenindustrie ihren Einzug
gehalten. Unterrichtsfilme werden von einer Colafirma gesponsert, denn die
alten Ägypter tranken laut Film schon Cola. Nichtraucher-Werbespots,
gesponsert von einer Zigarettenmarke, flimmern in den Gängen auf großen
Bildschirmen und machen eher abhängig, wozu passender Weise gerade Automaten
in der Schule angeliefert werden.
Wenn man zum Direktor zitiert wird, fährt
vor Einlass ins Zimmer ein Bildschirm von der Decke und wirbt für
Beruhigungspillen. Die ganze Welt besteht nur noch aus Marken und Menschen,
die sie konsumieren. Wie kann es anders enden, als dass man sprichwörtlich
davon erschlagen wird?
Die animierte Geschichte spielt in einer fiktiven
Zukunft. Auf der einen Seite wird man als Zuschauer zum Lachen gebracht, auf
der anderen Seite zum nachdenken, vielleicht aber auch zur Gegenwehr und zur
Konsumverweigerung. Selbst anschauen und entscheiden!
"Verkaufsstrategien als Friedensstifter"
Ein Vertreter an seinem ersten
Arbeitstag, vor seiner ersten Tür. Er klingelt. Völlig unerwartet öffnet
ein Kind, verweist ihn aber darauf, dass seine Eltern in der Wohnung sind. Er
tritt ein und gerät mit seinem Verkaufsgespräch mitten in eine Familienauseinandersetzung. Entsetzt stammelt er seine auswendig gelernten
Floskeln vor sich her, findet sich aber kurz darauf vor der Tür wieder.
Aus
der Wohnung dringen immer noch die Schreie der Frau, das Kind wurde wie er
vor die Tür gesetzt. Aufgeben will er nicht, schließlich hat er einen
Gemüseschneider zu verkaufen, mit einem Bilderrahmen als
Dankeschöngeschenk.
Das Komik nicht weit von Tragik entfernt ist, und das
die beiden manchmal Hand in Hand gehen beweist Ivo Baru in seinem Film
"Do you have a minute ... That's great". Der Film, in Schwarz-Weiß
gedreht, geht zu Herzen und gleichzeitig auf die Lachmuskeln. Die einfache
Geschichte lebt vor allem von ihren überzeugenden Darstellern.