Große Hoffnung werden nach fünf Jahren Schattendasein unter dem
Münchner Filmfestival auf das Internationale
Filmfest der Hochschulen gelegt. Schließlich blickt das Festival auf eine
ruhmreiche Vergangenheit zurück, aus der so klingende Namen wie Caroline
Link, Florian Gallenberger, Jan Sverak, Nick Park, Thomas Vinterberg oder
Lars von Trier hervorgegangen sind. Das Festival Jahr 2003 in München steht
in diesem Sinne im Zeichen der großen Vielfalt, wobei dem Stichwort
"International" ein großes Gewicht zugeteilt wird. Bis zum 30.
November werden 77 Spielfilme, Dokumentationen und Animationsfilme gezeigt.
43 Filmschulen aus aller Welt sind dabei der Garant für ein offenes und
interkulturelles Festival.
Aufgeteilt wurde diese Vielfalt in insgesamt zwölf Wettbewerbe. Das
erste Programm am 27.11.2003 sollte dabei wohl die Signifikanz und
Programmatik aller Beiträge betonen. In einer bunten Mischung
präsentierten sich in knapp zwei Stunden Künstler aus Singapur,
Frankreich, Deutschland, Tschechien und Ungarn. Diese Veranstaltung war
nicht nur eine Revue einzelner Kurzfilme, sie ergab im Überblick eine
spannende Erkenntnis über Denkweisen, Ästhetiken und filmische Künste der
einzelnen Kulturen. Jedes Werk ein selbständiges Artefakt, das signifikant
ist für die Herkunft des Regisseurs.
Den Auftakt einer Reihe aus fünf Beiträgen bildete Green Zeng aus
Singapur mit dem Kurzfilm Bidadari. Erzählt wird die Geschichte eines alten
Mannes, der unmittelbar nach der Bestattung seiner Ehefrau einen
Schlaganfall erleidet und seither halbseitig gelähmt ist. Wie so häufig
wird den leiblichen Kindern die tägliche Pflege zu viel und man versucht,
den Kranken in ein Pflegeheim abzuschieben. Der Einzige in der Familie, der
die Geduld zur Kommunikation und Betreuung aufbringt, ist der zehnjährige
Enkel des Großvaters. Der Rest der Story ist schnell erzählt. Während die
Eltern des Kindes mit wichtigen Meetings beschäftigt sind, beginnt das Kind
die Probleme des halbseitig Gelähmten zu verstehen. Es ist sein letzter
Wunsch, das Grab seiner Frau zu besuchen. In der Folge lässt der Junge
nichts unversucht, um den Wunsch seines Großvaters zu erfüllen. Allein die
Synopsis offenbart die Oberfläche der Erzählung. Green Zeng hat sich hier
an einen Stoff herangewagt, der in seiner Intensität nicht in
vierundzwanzig Minuten erzählt werden kann. Zu Beginn nimmt sich der
Regisseur noch die Zeit, in langen Einstellungen die Psychologie und die
Kleinigkeiten des Lebens zu beleuchten. Doch schnell wechselt der Charme der
ersten Minuten zu einer nummernhaften Oberflächlichkeit, in der die
Stationen der Handlung nur skizzenmäßig abgehandelt werden. Der Zuschauer
bleibt in der Folge distanziert von dem Geschehen, auch wenn Green Zeng
gegen Ende ein emotionales Comeback versucht. Der Film endet am Grab der
Ehefrau. Enkel und Großvater haben sich durchgesetzt und gegen den Willen
der Eltern des Jungen den Weg zum Friedhof allein gemeistert. Während das
Kind und der kranke Alte eine neue Gemeinschaft bilden, hat sich die
Generation dazwischen bei Green Zeng ins Abseits manövriert. Die Eltern des
Zehnjährigen sind zum Schluss allenfalls nur noch Statisten. Sie
präsentierten das Klischee einer Generation, die aus lauter Geschäftigkeit
nicht mehr zuhören kann. Leider blieb aber auch dem Regisseur nicht die
Zeit, den Zuschauer intensiver teilnehmen zu lassen.
Liebe ist nicht gleich Liebe. Es ist nicht ein Synonym für
Zärtlichkeit, Fürsorge und Wärme. Liebe kann schizophren sein, bei der
sich das Gute mit dem Bösen vermischt. Für viele ist dieses Szenario
unglaublich, für Eskil Vogt allerdings ein reizvolles Paradoxon, das
schließlich im Film HUG verarbeitet wurde. Was die Regisseurin hier
beschreibt, ist eine spannende Beziehung, dessen Bewertung nicht einfach
fällt. Dieses junge Paar steht am Bahnsteig, doch keiner der Züge hält
an. Plötzlich macht der Mann eine schnelle Bewegung und stößt seine
Freundin vor den einfahrenden Zug. Sie überlebt, da sie sich noch
rechtzeitig retten konnte. Noch während der Zuschauer erschreckt, fällt er
im nächsten Moment beruhigt wieder in seinen Sessel zurück. Alles nur ein
Traum, das suggeriert zumindest Eskil Vogt. In Wahrheit beginnt der
Protagonist jedoch langsam zu begreifen, dass dieser Albtraum Wirklichkeit
war. Er entdeckt Videoaufzeichnungen, die seine Ahnungen belegen. Die
Freundin hat plötzlich einen großen blauen Fleck. Die Wahrheit ist
unausweichlich und doch zeigt Eskil Vogt einen unfassbaren Zusammenhalt des
Paars. Der Zuschauer spürt die diffuse Belastung zwischen beiden und doch
fehlen die Schreie, die Vorwürfe, die Anklagen. Eine Stille des
Unerklärlichen, des Sonderbaren, der Schizophrenie, und gerade deswegen ein
Maßstab der bedingungslosen Liebe. Am Ende steht die Umarmung der Liebenden
für sich, wer weiß schon, was das bedeuten soll?
Züge sind auch das Thema des dritten Beitrags "Letzte Bahn"
von Tom Uhlenbruck. Ein junges Mädchen, sowie ein älterer Herr warten auf
die letzte U-Bahn. Natalie ist äußerst kommunikativ und daher genügt ein
Blick, um ein Gespräch anzuzetteln. Natalie glaubt in ihrer naiven Art, das
Wesen des Menschen sofort zu erkennen. In diesem Sinne schätzt sie den
älteren "Wolle" als Schichtarbeiter ein, der auf den Weg zu
seiner Frau ist. Sie selbst hat die Schule früh abgebrochen und macht jetzt
eine Lehre zur Friseuse, mit der sie allerdings ebenso unzufrieden ist.
Auch hier verlaufen die Dialoge in einer diffusen Ungewissheit, vor allem
wegen der stets besorgten Blicke von Wolfgang. Noch ehe sich der Zuschauer
jedoch zu langweilen beginnt, fährt die ersehnte U-Bahn ein. Natalie steigt
ein, während Wolle Ihren Rufen nicht folgt und auf dem Bahnsteig verbleibt.
Er ist im Ergebnis ein Obdachloser, mit den gleichen Fehlern, die Natalie
wohl begehen wird. Letztendlich eine enttäuschende Lösung. Die Seifenblase
der Spannung zerplatzt bei Tom Uhlenbruck in weniger als einer Sekunde und
es verbleibt allein das Prädikat pädagogisch wertvoll.
In der Eintönigkeit des Alltags sind die Menschen nur beweglichen
Statuen. Jeder kennt die Situation an Bushaltestellen, das endlose Warten,
das große Schweigen und die Eintönigkeit starrer Haltungen. Doch auch
sonst sind wir in den Schranken der modernen Gesellschaft gefangen. Das
vermeidliche Individuum passt sich Tag täglich in die Gefüge von
Netzwerken an. Selbst das einheitliche Dunkel der Kleidung macht aus
lebendigen Wesen stumme Roboter. Nicht anders ergeht es dem Protagonisten
des Filmes "Passangers" (Regie: Vaclav Kadrnka). Als technischer
Zeichner führt er ein tristes Dasein. Der Alltag hat sein Leben fest im
Griff und verwandelt jegliche Spontaneität in formalisierte Abläufe. Wie
so häufig im Leben bringt jedoch das Unvorhergesehene die notwendige
Abwechslung ins Leben, so dass aus der Eintönigkeit wieder ein lebendiger
Kreislauf entsteht. In diesem Sinne wird die Hauptfigur des Filmes bei einem
Bremsmanöver des Busfahrers auf eine Frau aufmerksam. Es beginnt ein
Wettlauf um die Gunst der Frau. Doch jegliches Vorhaben scheitert an der
Hürde der Durchschnittlichkeit des Protagonisten. Kadrnkas Figur wird
dennoch immer mutiger und verlässt zunehmend die Wege des formalisierten
Alltags. Ein Vorhaben, das beinahe mit einem Unfall endet, jedoch durch eine
unerwartete Wendung zu dem erträumten Glück führt. Frau und Mann sind am
Ende letztlich vereint, auch wenn sie noch kein Wort gewechselt haben.
Vaclav Kadrnka belässt es letztlich bei einem Film ohne Worte. Wozu auch,
das moderne Leben kommt auch ohne Worte aus, welchen Sinn hätte sonst das
Triste des Alltags.