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Just a Kiss (Ae Fond Kiss)

Kinostart: 11. November 2004

Just a Kiss
Eva Birthistle als Roisin.

Daten

OT: Ae Fond Kiss
GB, Belgien, D, Italien, Spanien 2004
Regie: Ken Loach
Buch: Paul Laverty
Kamera: Barry Ackroyd
Schnitt: Jonathan Morris
Musik: George Fenton
Darsteller: Atta Yaqub, Eva Birthistle, Shamshad Akhtar

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Kein Ausdruck kennt im Kontinuum der vielzähligen kulturellen Kreise so viele Konnotationen, wie der Begriff der Familie. In der Regel verbindet man damit Geborgenheit, Schutz, Vertrauen, Fürsorge, Rückhalt, Erziehung, jedoch zugleich auch Generationskonflikte und Entfremdung. Eine traditionelle Sicht auf den Familienclan existiert allenfalls nur noch in südeuropäischen und islamischen Kreisen. Hier übernimmt die verwandtschaftliche Gemeinschaft zugleich eine repräsentative Funktion mit eindeutigen Regeln und Verpflichtungen. Ein entsprechendes Beispiel hat der Regisseur Ken Loach in seinem Film "Ae fond Kiss" verarbeitet. Er versetzt analog zu Fatih Akin "Gegen die Wand" eine Familie in einen fremden Kulturkreis und spielt dabei mit dem Zündstoff interkultureller Antagonismen und traditioneller Ansichten.

Casim (Atta Yaqub) ist der Sohn dieser pakistanischen Einwanderer. Seine Eltern sind strenge Moslems und folgen in diesem Sinne einem traditionellen Lebensplan, dem sich die Kinder ohne Proteste zu fügen haben. In diesem Sinne ist die Hochzeit mit Casims Cousine Jasmina, deren Ankunft aus Pakistan bevorsteht, bereits arrangiert. Casim jedoch lernt die schöne und eigensinnige Katholikin Roisin (Eva Birthistle) kennen und verliebt sich sofort in sie. Zunächst gelingt es ihm, einerseits Roisin die geplante Hochzeit zu verheimlichen, andererseits der Familie die neue Frau vorzuenthalten. Als das Doppelleben des Immigrantensohns von beiden Seiten jedoch entdeckt wird, ist es vor allem Roisin, die die Tragweite familiärer Tradition nicht begreift und ausschließlich von der eigenen Position her argumentiert. "Was ist mit meinem Herzen, das du verletzt."

Die Stärke von Ken Loachs filmischer Erzählkomposition liegt in dieser Phase vor allem im Verzicht auf bloße Schuldzuweisungen. In diesem Sinne sind auch die Eltern Casims Opfer bzw. Gefangene der eigenen Tradition, die sie in einem fremden Land fortführen müssen. Der Film denotiert ein gesellschaftliches Dilemma, aus dem alle Beteiligten als Verlierer hervorgehen und kulturelle Konflikte aufbrechen. Obwohl sich Casim schließlich gegen die Ehe und Familie, und für Roisin entscheidet, bleibt er auch weiterhin zwischen den Fronten unnachgiebiger Parteien. Fanatismus einer weltverschlossenen religiösen Gemeinde? Keineswegs! Ken Loach vermeidet in seinem Film jegliche Ansätze einer Klischeebildung, die das islamische Weltbild in irgendeiner Form denunziert. In diesem Sinne ist auch Roisin mit religiösen Konflikten konfrontiert. Die Direktion einer katholischen Schule, bei der sie als Pädagogin angestellt ist, droht ihr mit Kündigung, sofern sie Casim nicht heiratet oder er seine Konfession wechselt. Pendanz und Fanatismus sind in diesem Sinne Probleme der globalen Welt und nicht einer einzelnen religiösen Gruppierung.

"Ae Fond Kiss" ist eine Geschichte über Ehre, Etikette, Kultur und verletztem Stolz. Ähnlich wie der deutsche Beitrag "Gegen die Wand" versteht es der Regisseur, dem Zuschauer eine differenzierte Sicht der Dinge aufzuzeigen und mögliche Vorurteile abzubauen. Die wirkungsästhetische Folge für den Zuschauer ist somit primär eine aristotelische Katharsis jenseits von Gut und Böse. Am Ende gewinnt das Paar über die Gemeinschaft. Vielleicht ein utopisches, jedoch zugleich wunderbares Plädoyer für eine Gemeinschaft, die sich ohne Abgrenzung voneinander definiert.

Gesehen von Bogdan Büchner

 
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